Bild nicht mehr verfügbar.

Exil-Tschetschenen demonstrieren vor dem Wiener Parlament gegen Russlands Präsidenten Putin.

Foto: APA/HANS KLAUS TECHT

Der Terroranschlag von Boston hat das kleine Kaukasus-Volk der Tschetschenen wieder einmal ins Gerede gebracht. Der "Kurier" schrieb mit Verweis auf Verfassungsschützer gar von "tickenden Zeitbomben", die es in der großen tschetschenischen Community in Österreich gebe. Sollte es sie tatsächlich geben (Österreichs Verfassungsschützer geben sich "aufmerksam, aber nicht alarmiert"), handelt sich dabei um eine verschwindend kleine Minderheit.

Nach einem Jahrzehnt von Krieg und Gewalt hatten zehntausende Tschetschenen Anfang des neuen Jahrtausends ihre Heimat verlassen und ihr Glück auch in Europa gesucht. Geschätzte eineinhalb Prozent der tschetschenischen Gesamtbevölkerung flohen damals nach Österreich - ein großer Teil bekam politisches Asyl. Zuletzt war in Medienberichten von etwa 20.000 Tschetschenen in Österreich die Rede.

Fernziel Rückkehr

Nicht selten ändern in Österreich lebende Tschetschenen ihre Namen, etwa in "Mayer" oder "Kaltenbrunner", dennoch: Endgültig angekommen in Österreich sind nur wenige. Gerade die Kriegsgeneration der heute Vierzig- bis Fünzigjährigen, die vor etwa zehn Jahren politisches Asyl bekam, verfügt oft nur über sporadische Deutschkenntnisse. Als Fernziel halten viele an einer Rückkehr nach Tschetschenien fest.

Gleichzeitig scheinen die aktuellen Bemühungen des von Moskaus Gnade regierenden Präsidenten Ramsam Kadyrow, der seine Landsleute zur Rückkehr überreden möchte, nur bedingt erfolgreich. Denn Kadyrows Umfeld hatte wiederholt führende Vertreter der Emigration in Europa bedroht und unter Druck gesetzt, wieder in die Heimat zurückzukehren.

Nur eine Minderheit engagiert

Politisch engagiert sich derzeit eine verschwindende Minderheit der in Österreich lebenden Tschetschenen. Diese Tendenz wurde auch durch eine weitgehende Selbstdiskreditierung verstärkt, die das Umfeld des ehemaligen Sowjetoffiziers Aslan Maschadow betrifft. Nach dem Tod von Dschochar Dudaew, nach dem einer der mutmaßlichen Bostoner Terroristen benannt wurde, hatte Maschadow das separatistische Tschetschenien angeführt - zwischen dem Einmarsch russischer Truppen 1999 und seinem Tod 2005 auch er im Untergrund.

Seine ins Ausland geflohenen Mitstreiter bildeten zunächst den harten Kern an Exilpolitikern - auch in Österreich. Kadyrow gelang es schließlich jedoch, Maschadow-Vertraute zum Überlaufen zu bewegen: In Österreich wurde das Ausmaß des politischen Verrats im Fall Umar Israilow offenbar. Der ehemalige Leibwächter von Kadyrow war 2009 in Wien erschossen worden. Eingefädelt hatten den Mord ehemalige Maschadow-Vertraute, die zu Kadyrow übergelaufen waren.

Vereinzelte Extremisten

Die große Mehrheit der in Österreich lebenden Tschetschenen hängt einem gemäßigten Islam an. Allerdings gibt es auch vereinzelt politisch-religiöse Extremisten. Ob der Verfassungsschutz sie alle unter Beobachtung hat, ist fraglich: Den Mord an Israilow hatten Österreichs Sicherheitsbehörden nicht verhindern können - obwohl das spätere Mordopfer selbst die Polizei um Hilfe bat, da er einen Anschlag befürchtete.

Auch enge Vertraute Kadyrows sollen sich weiter in Österreich befinden. So etwa Suleiman E., der als Flüchtling kam, den Namen Wolfgang F. annahm und Asyl erhielt. Inzwischen wurde ihm das Asyl behördlicherseits wieder aberkannt - was ihn aber laut Vertretern der tschetschenischen Community nicht daran hindert, hier weiter aktiv zu sein. (Herwig Höller, DER STANDARD, 26.4.2013)