Frühling ist's, die monatelang schockgefrosteten Hormone wallen wieder wohlig in der Blutbahn; die anziehendsten Bekleidungsstücke von Hot Pants bis zu Tank Tops werden ausgemottet und im besonnten Stadtbild spazieren geführt; unter den Blusen blitzen die Busen, kurz, der Sexus, der alte Schlingel, meldet sich mächtig zurück.

Für die animierten Frühlingsmenschen gibt es gottlob vielerlei Loci amoeni, um ihre Gelüste auszuleben. Dezent veranlagte Turteltauben verziehen sich in entlegene Raine, Haine, Waldlichtungen, Liebesgrotten oder Lustwäldchen. Andere bevorzugen dagegen den Auftritt vor Publikum, wie jenes Paar zweier ungefähr Dreißigjähriger, das am vergangenen Mittwoch sein Liebesglück coram publico zur Stoßzeit in der U4 zelebrierte.

Da hatten sich aber zwei gefunden! Mit Übereinanderherfallen wäre die Art ihres zwischenmenschlichen Austauschs nur unzureichend beschrieben: Ganzkörper-Handgreiflichkeiten, schmatzende Zungenküsse usw., usf. Immerhin: Kopuliert wurde nicht, obwohl sich ja auch das gelegentlich in den Wiener U-Bahnen zutragen soll.

Die Art, wie das Paar sein Liebensglück inszenierte, erweckte stark den Verdacht, dass nicht nur die Befriedigung eines sexuellen, sondern auch die eines sozialen Bedürfnisses im Spiel war: des Bedürfnisses, bei den U-Bahn-Pendlern Neid zu provozieren. Seht her, ihr Aufrissnullen, dieses Traumweib habe ich errungen! Merkt auf, ihr Beziehungsstümperinnen, dieser Prachtlackl ist der meine! Das sind, nebenbei, Botschaften, die man in der U-Bahn nur ungern vermittelt bekommt. Schließlich haben Werktätige nach Dienstschluss auch noch andere Sorgen, als andere Leute zu beneiden.

Interessant, dass es Liebesräusche vor Publikum nicht nur in Öffis gibt, sondern auch in vermögenden Bevölkerungsschichten: Der französische Milliardenerbe Arnaud Lagardère etwa zeigte sich 2011 von seiner neuen Liebhaberin, einem belgischen Model, so überwältigt, dass er kurzerhand ein Turtel-Video mit der dreißig Jahre jüngeren (und einen halben Kopf größeren) Jade Foret online stellte.

Die Anteilseigner seines SCA-Medienkonzerns waren unamüsiert, und, wer weiß, womöglich fielen gar die Aktien! Liebesräusche als Dividendenkiller! Wenigstens das ist eine Konsequenz, die man beim Schmusen in der U4 nicht fürchten muss. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 27./28.4.2013)