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Ein Kämpfer der Free Syrian Army sitzt Anfang April in einer leeren, zerstörten Straße in Deir al-Zor. Diese Woche fanden die heftigsten Kämpfe in Qusayr im Westen statt.

Foto: Reuters/Ashawi

US-Pentagonchef Chuck Hagel wurde am Montag in Israel nicht von neuen Erkenntnissen über einen Chemiewaffeneinsatz des Assad-Regimes informiert. Aber bis zum Wochenende sprach es sich doch noch bis zu den USA herum.

Damaskus/Wien – Der Gewissheit über einen Chemiewaffeneinsatz des syrischen Regimes ist man in dieser Woche nicht viel weitergekommen – aber immerhin wurde das Thema zur Achse, um das sich die Diskussion um eine mögliche Intervention der USA im Syrien-Konflikt dreht. Neben der "roten Linie" , die die USA im Iran gezogen haben – Teherans Griff nach Atomwaffen –, hatte US-Präsident Barack Obama eine solche auch für Syrien definiert. Aber wie beim Iran gibt es Auffassungsunterschiede zwischen Israel und den USA, wo genau diese Linie verläuft, deren Überschreiten "die Spielregeln ändern"  würde.

Diese Auffassungsunterschiede hatten diese Woche die Form eines mittleren diplomatischen Unfalls zwischen den beiden Verbün­deten. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel machte sich nicht einmal besondere Mühe, das zu verbergen: Am Mittwoch drückte er Reportern gegenüber seine "Überraschung"  darüber aus, dass sein israelischer Amtskollege Mo­she Yaalon bei Gesprächen am Montag nicht erwähnt hatte, dass Israel nun von einem Sarin-Angriff des syrischen Regimes am 19. März ausgehe. An genau demselben Montag hatte nämlich Itai Brun, Brigadier des israelischen Militärgeheimdienstes, auf einer Konferenz diese Gewissheit ausgedrückt – und eine Medienlawine ins Rollen gebracht.

Vielleicht von der israelischen Regierung ungewollt, die ja ihre US-Partner auf professionellerem Wege von den neuen Erkenntnissen informieren hätte können? Oder waren die Amerikaner nicht recht angesprungen, und es musste PR-mäßig etwas nachgeholfen werden? Jedenfalls wurde aus Hagels Versicherung zu Wochenbeginn, es gebe in der Chemie­waf­fenfrage nichts Neues, gegen Wochenende die Information, die USA gingen davon aus, dass das Assad-Regime C-Waffen "in kleinem Umfang"  eingesetzt habe. Der Verdacht dreht sich um eine Sub­stanz, die mit Sarin zu tun hat – bei der Einstufung keine ganz einfache Sache, weil seine Komponenten nicht unter C-Waffen fallen. Wobei Syrien (wie Israel) die Chemiewaffenkonvention ohnehin nicht unterschrieben hat.

In dem Moment, in dem die USA ihre anfängliche "Nichts Neues" -Haltung aufgegeben hatten, kam aus der israelischen ­Regierung eine Stimme, die die USA an ihre "rote Linie"  erinnerte und sie zur Intervention aufforderte: Zev Selkin, Vizeaußenminister und Benjamin Netanjahu nahestehend, sagte, dass die USA alle Ängste ausräumen könnten, indem sie die "Kontrolle über die Chemiewaffen"  ergreifen. Selkin warnte auch vor der verheerenden Botschaft, die ein Nichteinschreiten an Teheran wäre.

Ohne militärische Intervention wäre solch eine Kontrolle natürlich nicht herzustellen – aber dazu stehen in der Region US-Eliteeinheiten bereit. Obama scheut ein Eingreifen in Syrien aus mehreren Gründen, nicht zuletzt weil alles, was gegen Assad getan wird, den Jihadisten vom Schlag einer Nusra-Front zugute kommt: Erst vor kurzem hat Al-Kaida im Irak bekanntgegeben, dass die beiden Organisationen ein und dieselbe sind. Das sind Leute, die im Irak US-Soldaten getötet haben.

Allerdings sollte man sich von den Nebelwerfern nicht die Sicht verstellen lassen: Israel fürchtet sich nicht so sehr vor den Chemiewaffen in Assads Hand, sondern davor, dass sie in andere fallen könnten. Da ist natürlich die li­banesische schiitische Hisbollah zu nennen, die aber in suizidaler Stimmung sein müsste, um C-Waffen gegen Israel einzusetzen. Gefährlicher wären sie in den Händen der jihadistischen Gruppen, die sich ja auf die Fahnen schreiben, dass sie nach Damaskus Jerusalem "befreien" werden.  (Gudrun Harrer /DER STANDARD, 27.4.2013)