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Rühl: Ein Fall der Energiepreise wäre dann positiv, wenn dies Reformen beschleunigt.

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Standard: Der Ölpreis liegt bei 100 Dollar: eine kurzfristige Schwäche - oder könnte sie länger anhalten?

Rühl: Sie könnte länger anhalten. In Nordamerika wird jetzt sehr viel Tight Oil produziert, also Öl, das mit den gleichen Technologien wie Schiefergas gewonnen wird. Im normalen Markt würden die Preise fallen, wenn das Angebot steigt. Der Ölmarkt ist wegen der Opec kein ganz normaler Markt. Die Frage ist, wie die Opec reagieren wird.

Standard: Und wie wird sie reagieren?

Rühl: Wir glauben, dass die Opec willens ist, die Produktion zu kürzen, um die Preise unter Kontrolle zu halten. Wir haben den Anfang gesehen, als Saudi-Arabien die Förderung um 700.000 Barrel gesenkt hat. Mittelfristig werden wir weitere Kürzungen sehen.

Standard: Russland sagt, die Fracking-Technologie sei unrentabel. Stimmt das?

Rühl: Man muss unterscheiden zwischen Öl und Gas. Russland hat sich keinen Gefallen getan, jahrelang die Signifikanz von Schiefergas abzustreiten. Die USA werden es bald exportieren, womit auch Russland unter Druck gerät. Wir glauben, dass im Jahr 2030 16 Prozent der Weltgasproduktion aus Schiefergasbeständen kommen wird. Im Fall von Öl denkt Russland hingegen darüber nach, wie es seine Ressourcen besser und schneller ausbeuten kann. Tight Oil andernorts ist rentabel: Die Schieferölbestände in Nord Dakota bewerten Experten mit 40 bis 60 Dollar an Förderkosten, Schweröl aus kanadischem Ölsand mit 60 bis 80 Dollar. Beim Ölpreis ist also langfristig noch Luft nach unten.

Standard: Welche Folgen hätte eine langfristige Schwäche des Ölpreises für Russlands Wirtschaft?

Rühl: Russland hat gut vorgesorgt. Der Ölfonds ist sehr robust. Russland hat seit Jahren ein hohes Wachstum, das allerdings großteils auf Energieexporten beruht. Ein Fall der Energiepreise wäre unter dem Strich dann positiv, wenn dies Reformen beschleunigt und die Diversifizierung der Wirtschaft vorantreibt, ohne dass die Gefahr zu groß ist, weil gut vorgesorgt wurde. Es würde sicher das momentane Wachstum bremsen, aber könnte so die Saat für späteres Wachstum legen.

Standard: BP will zusammen mit Rosneft die Vorkommen vor der Küste erschließen. Was ist das Spannende daran?

Rühl: Die Ölindustrie war stets eine Industrie im Grenzbereich, die vorstößt in unbekannte Gebiete, um neue Vorräte zu entdecken. Viele stellen sich Industrie und speziell den Ölsektor als relativ simpel vor, aber wenn man sieht, mit welchem technischen Aufwand das betrieben wird, erinnert es eher an das Niveau der Raumfahrt.

Standard: Ich frage eigentlich wegen der hohen Kosten bei Tiefwasserprojekten. Lohnt sich das?

Rühl: Bei Preisdruck finden drei Prozesse statt: Zunächst wird die Produktion gesenkt, in diesem Fall von der Opec. Zweitens werden langfristige Investitionsvorhaben zurückgestellt. Im dritten Schritt dann vielleicht kurzfristige Projekte gestoppt. Wir sind in der ersten Phase. Die Arktis-Projekte aber sind ja nur im Diskussions-, noch nicht einmal im Planungsstadium. Diskutiert wird sicher weiter. Wenn sich die neuen Fracking-Technologien durchsetzen - auch außerhalb der USA - schließe ich aber nicht aus, dass solche teuren und für die Umwelt sensiblen Projekte auch im Diskussionsstadium bleiben.

Standard: Stichwort Umwelt: Auch Fracking ist ja sehr umstritten.

Rühl: Die Debatte, wie man Fracking sicher machen kann, ist berechtigt, weil es um Bohrungen durch das Grundwasser geht. Fracking gibt es seit 100 Jahren, passiert ist noch nichts, aber die Furcht ist natürlich: Irgendwann ist immer das erste Mal. Andererseits kommt der positive Umweltaspekt in der Debatte zu kurz, wenn die CO2-Emissionen sinken, weil Gas Kohle bei der Stromproduktion ersetzt. Gelingt es, unter relativ kontrollierten Bedingungen Gas mit Fracking zu fördern, dann ist es auch gut, wenn nicht in der Arktis gebohrt wird. (André Ballin, DER STANDARD, 29.4.2013)