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Die Wiener feiern am Tag der Arbeit die sozialdemokratischen Errungenschaften: Wachstum und Wohlstand.

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"Stimmt an das Lied der hohen Braut": Die Athener fühlen sich von Europa zurückgeschickt ins 19. Jahrhundert, als der Kapitalismus die kämpferische Arbeiterbewegung gebar.

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Vor 145 Jahren - 20 Jahre nach dem europäischen Revolutionsjahr 1848 also, zwei Jahre nach der Niederlage gegen die Preußen bei Königgrätz, ein Jahr nach dem ungarischen Ausgleich - erschallte erstmals die spätere Hymne der österreichischen Sozialdemokratie. Dieses "Lied der Arbeit", mit dem an jedem 1. Mai das rote Hochamt ins feierliche Jubilieren kommt, atmet deshalb den Geist des tiefen 19. Jahrhunderts, als die Arbeiterbewegung noch jung war und frisch und voller Zuversicht.

 

Immerhin drängte - damals wie eventuell sogar heute noch oder schon wieder - "das Recht wie Glut im Kraterherde", so dass also mit "den Bedrängern" demnächst schon "reiner Tisch" gemacht werden würde. "Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger", schmettert glutäugig die Internationale, "alles zu werden, strömt zu Hauf."

Liebeserklärung

Das Lied der Arbeit ist weniger kämpferisch. Es besingt dafür lyrisch, geradezu zärtlich, worum die Welt sich dreht, und was den Mensch letztlich zum Menschen macht. Diametral zur althergebracht-katholischen Lehre, wonach die Arbeit der Schandlohn des Sündenfalls wäre, weshalb man das Brot nach der Vertreibung aus dem Paradies im Schweiße seines Angesichts zu essen habe. Die aus dem Protestantismus gewachsene Vorstellung, dass die Arbeit keine Verdammnis, sondern im Gegenteil ein Weg zurück in den Himmel sei, kristallisierte in der Arbeiterbewegung als Logik der Menschwerdung überhaupt: "Stimmt an das Lied der hohen Braut / Die schon dem Menschen angetraut / Eh' er selbst Mensch war noch."

Die weltumarmende Liebeserklärung des Menschen an seine Arbeit ("Was sein ist auf dem Erdenrund / Entsprang aus diesem treuen Bund") wurde allerdings quer durch die anderthalb Jahrhunderte getrübt durch den jeweiligen Realitycheck.

Der grandiose Versuch des frühen 20. Jahrhunderts, die Arbeit ins Recht zu setzen durch die radikale Änderung der Eigentumsverhältnisse, scheiterte fulminant, allerspätestens 1989, als im kommunistischen Laboratorium die Stecker gezogen wurden.

Aber dass es einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz doch geben könnte, wird seither von immer mehr Menschen wieder massiv in Zweifel gezogen. Nicht zuletzt von den Sozialdemokraten, die nicht ohne Grund mit dem Slogan Gerechtigkeit in den Kampf um die österreichische Herbstwahl reiten.

Was die Sozialdemokratie allerdings - nicht nur hierzulande, aber in Österreich eben auch -verloren hat, ist ihre diesbezügliche Frische. Das Roll-back des Kapitalismus - salopp: die allgemeine Überzeugung, es sei das Kapital, das die eigentliche Arbeit tut; das Geld, das hackelt, malocht und schöpft - ist ja nicht zuletzt mithilfe oder gar auf sozialdemokratisches Betreiben hin geschehen.

Dass der britische Premier Tony Blair (1997-2007 im Amt) und seine New-Labour-Genossen oder sein Kollege Gerhard Schröder (amtierte 1998 bis 2005), der deutsche Genosse der Bosse, je das Lied der Arbeit gesungen hätten, kann niemand wirklich behaupten.

Die soziale Wende ist aber schon in den 1980ern eingeläutet worden, als die Finanzierbarkeit des Sozialstaates erstmals ins Gerede gekommen ist. Die Besteuerung der Arbeit erwies sich in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit - in den Achtzigern sprach man ja erstmals und ernsthaft von der Zweidrittelgesellschaft - als unzureichend. Die Idee einer stattdessen einzuführenden Wertschöpfungsbesteuerung wurde dann aber nur noch als Maschinensteuer verspottet und verschwand umgehend wieder.

Vertragskündigung

Mit fatalen Folgen. Der deutsche Soziologe Wolfgang Streeck beschreibt in seinem unlängst erschienenen Buch "Die gekaufte Zeit" (Suhrkamp 2013) die schubweise Aufkündigung des Nachkriegs-Gesellschaftsvertrages seit den 1970er Jahren. Bis etwa 1980 stiegen Steuereinnahmen und Staatsausgaben "im Gleichschritt", seit spätestens Mitte der Achtzigerjahre klaffte eine immer größer werdende Lücke. "Ich sehe", schreibt Streeck, "in der staatlichen Finanzkrise der Gegenwart die zeitgemäße Ausformung eines schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts diagnostizierten Funktionsproblems des modernen Staates, das darin besteht, dass dessen Fähigkeit, einer Gesellschaft von Privateigentümern die Mittel abzuringen, die er zur Erfüllung seiner - wachsenden - Aufgaben benötigt, tendenziell hinter dem Notwendigen zurückbleibt."

Am 23. Februar 1989 starb einer der prononciertesten Kämpfer dafür, das steuerpolitische Ruder herumzureißen, Österreichs Sozialminister Alfred Dallinger, bei einem Flugzeugabsturz. Ein halbes Jahr später implodierte dann das kommunistische Reich in die heutige Oligarchie. Und da verschwand dann auch bald der christsoziale Versuch, dem reinen Kapitalismus eine sozialverträgliche Richtung abzuringen, die Idee einer ökosozialen Marktwirtschaft, wie sie der glücklose ÖVP-Chef Josef Riegler 1987 verkündet und damit auch bei den deutschen Parteifreunden Resonanz gefunden hatte. Bis dann der Goldrausch im Osten ausbrach.

In den 25 Jahren seither hat sich die Arbeitswelt radikal verändert. Die Rede von der Zweidrittelgesellschaft greift längst schon zu kurz. Ungeniert und pejorativ spricht man bereits von Unterschicht. Zu der zählen auch immer mehr sogenannte Working Poor. Von den 4,3 Millionen österreichischen Erwerbstätigen können fast 200.000 nicht mehr leben von ihrer Hände Arbeit. Und 90.000 davon gehen einer ganztägig-ganzjährigen Arbeit nach.

An allen Ecken und Enden der Arbeitswelt wurde und wird weiterhin emsig " flexibilisiert". Die Working Poor in ihren McJobs sind nur ein Phänomen. Daneben lagert die Industrie ihr konjunkturelles Schwankungsrisiko nonchalant in die Leiharbeit aus, nicht selten in eigens dafür gegründete Töchter. Rund 75.000 Österreicher sind mittlerweile solcherart vermietet. Im Fall des Falles wirft die Gewerkschaft sich dann klarerweise bloß für die Stammbelegschaft in die Bresche. Die sind ja das eigentliche Proletariat. Die anderen bloß das Marx'sche Lumpenproletariat.

Augen zu

Aber nicht nur die Gewerkschaften verhalten sich zuweilen wie kleine Kinder beim Ansichtigwerden eines großen Hundes: schließen die Augen in der Hoffnung, dadurch würde das Tier verschwinden. Überfordert ist auch die Wirtschaftskammer. Seit Jahren registriert sie eine immense Steigerung bei sogenannten EPUs, den Ein-Personen-Unternehmen, die alles sein mögen, klassische Unternehmer aber sicher nicht.

Mehr als die Hälfte aller Kammermitglieder - 250.000 - sind solche Einzelunternehmen, die nichts anderes tun, als Arbeiter und Angestellte auch. Sie werfen ihre Arbeitskraft auf den Markt. Eine Strategie, die Interessen dieser Kammermitglieder machtvoll zu vertreten - etwa in steuerlichen oder sozialversicherungsrechtlichen Fragen - gibt es nicht. Und die Gewerkschaft fühlt sich, sozialpartnerschaftlich verständlich, sowieso nicht zuständig.

Die wirkliche Krise freilich kommt noch: in Form der gerade verlorengehenden Generation. Werner Faymann hat das in Brüssel immerhin zu bedenken gegeben. Dass in Italien, in Portugal, der Slowakei, in Zypern und Irland ein Drittel aller 15- bis 24-Jährigen keine Arbeit hat, in Griechenland und Spanien gar mehr als die Hälfte - dagegen ist die Bankenkrise ein laues Lüfterl.

Was Langzeitarbeitslosigkeit mit den Menschen anrichtet, ist erstmals penibel erforscht worden ein paar Kilometer südöstlich von Wien, in der Gramatneusiedler Fabriksiedlung Marienthal. Die schon 1933 erschienene Studie von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel prägte nachhaltig die Sozialwissenschaft.

Die Sozialpolitik deutlich weniger. Die erinnert sich nur an den hohen Festtagen, sozusagen in den Sonntagsreden auf dem Wiener Rathausplatz: "Und wie einst Galilei rief, / Als rings die Welt im Irrtum schlief: / Und sie bewegt sich doch! / So ruft: Die Arbeit, sie erhält, / Die Arbeit, sie bewegt die Welt! Die Arbeit hoch! Die Arbeit hoch!" (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 30.4.2013)