Schneller, leichter, wendiger - das steht im Pflichtenheft der California nicht auf der ersten Seite. Sie will auffallen

Der angeblich größte Zweizylinder, der je serienmäßig in Europa gebaut wurde, lässt am Stand den Lenker tanzen. Sanft reißt er das gesamte Motorrad hin und her. Ganz ungewollt ist das nicht, erklärt Hubert Freiler, Marketingleiter bei Guzzi-Importeur Faber. Moto Guzzi wollte, dass man bei Standgas die Vibrationen deutlich spürt - beim Fahren sollen diese aber so weit wie möglich reduziert sein.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Und das ist Moto Guzzi bei der siebenten Generation der California sehr gut gelungen. Wenn auch nicht aus dem Stand. Denn Moto Guzzi hat uns ein wenig warten lassen, bis die neue Cali zu den Händlern kam. In Mandello de Lario hat man sich das Feintuning so zu Herzen genommen, dass es ein paar Tage länger dauerte, bis die Cali das Licht der Welt erblickte.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Auf einer Historie aufzubauen, ist sowieso Fluch und Segen in einem. Zum einen kann man den Rückenwind nutzen, die Sentimentalität, auf der anderen Seite muss man auf dem Geschaffenen aufbauen, etwas deutlich Besseres nachliefern, ohne die Emotionen zu vernachlässigen.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Sie hat ein reiches Erbe, die Moto Guzzi California. 1968 beginnt diese Geschichte, die Kapitel mit dem Titel "Los Angeles Police Department", "Fahrzeug der italienischen Polizei und des italienischen Militärs" oder "Welterfolg" trägt. Der italienische Cruiser baute auf der Idee aus Milwaukee auf, mit einem massiven Motorrad mit breitem Lenker beim Reisen den Faktor Zeit durch das Gefühl der Freiheit zu ersetzen.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Und das gelang nicht nur damals, sondern auch heute. Obwohl die Cali ein hochmoderner Cruiser geworden ist. Denn Tempomat, Ride-by-wire mit drei Leistungsstufen, Traktionskontrolle, LED-Lichtleisten als Tagfahrlicht - das sind nicht unbedingt die Zutaten, die man sich von einem Cruiser erwartet.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Was man erwartet, das ist Dampf aus dem Drehzahlkeller, mit dessen Hilfe man schwarze Striche in den Asphalt tätowiert. Dazu muss man aber die Traktionskontrolle abschalten, damit einen die 120 Newtonmeter und 96 PS zum sitzenden Straßenkünstler werden lassen.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Die Sitzposition übrigens ist ganz eigen. Der Lenker wanderte weiter nach vorne und spannt den Oberkörper des Fahrers. Tief sitzt man im Motorrad, die Beine abgewinkelt, vorne auf breiten Trittbrettern abgestellt.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Nur groß Gewachsene müssen ein wenig aufpassen, dass ihnen der Schienbein-Zylinder-Berührungseffekt beim Anbremsen nicht das Wasser in die Augen treibt. Bremsen, das schafft die Cali nämlich mit den beiden Scheibenbremsen vorne besser als die meisten anderen Cruiser.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Oft würde es sogar reichen, nur vorne zu bremsen. Und das, obwohl die neue California fahrfertig stolze 318 Kilogramm auf die Waage drückt. Aber das fällt unter der Fahrt kaum auf, wenn einen der Hauch Freiheit amerikanischer Landstraßen küsst.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Gleich zwei Californias hat Moto Guzzi auf die Räder gestellt. Neben der Custom, der nackten Version der California, erblickte gleichzeitig auch eine Touring das Licht der Welt. Mit Koffern und Glasverbau vorm Lenker schafft die es sogar auf 337 Kilogramm. Das Fahrwerk ist leicht modifiziert und komfortabler ausgelegt.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Aber das wunderschöne und mutig gezeichnete Heck tragen sie beide.

Foto: moto guzzi

Kurzum, die paar Tage, die wir länger warten mussten, haben sich gelohnt. Die California tritt mit aktuellen Hightech-Komponenten, die nichts vom Cruiser-Feeling rauben, gekonnt ihr Erbe an und ist eine echte, fette California - keine abgespeckte Bibione oder Jesolo.

Foto: derstandard.at/gluschitsch

Das hohe Gewicht drückt natürlich auch auf den Preis: 19.499 Euro legt man für eine Custom hin, 21.999 für eine Touring. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 6.5.2013)

Link
Moto Guzzi

Foto: derstandard.at/gluschitsch