Die deutsche Journalistin Franziska Augstein nutzte ihre Redezeit bei der Eröffnung der Gmundner Festspiele, die weltpolitische Hegemonie der USA und die gleichzeitige militärische Impotenz der EU zu beklagen (an dieser Stelle im Standard vom 19.7. unter dem Titel "Rambo, Venus und die Logik des Kriegs" dokumentiert). Augstein ist Trägerin des Theodor-Wolff-Preises für "Essayistischen Journalismus", eine Auszeichnung, die offenbar für die Fähigkeit verliehen wird, die deutsch-europäischen Imperialismus-Ambitionen mittels USA-Bashing ideologisch zu unterfüttern.

Mit der typischen und weltweit so beliebten Arroganz deutscher Intellektueller unterstellt sie, dass die US-Regierung nicht wisse, "was sie mit diesem neuen Protektorat, das sie sich im Irak geschaffen hat, anfangen will". Typisch Amis halt: erst aus Jux und Tollerei einen Krieg anfangen und dann weniger wissen als Franziska Augstein.

Mit dem Bild des tumben Amerikaners, der außer Kriegführen nix kann, hat Augstein noch lange nicht alle Klischees ausgereizt. Tiefpunkt ihrer Stammtisch-Argumentation ist der Hinweis darauf, dass die USA "einen 32 Jahre alten Juden nach Bagdad schicken, um den schiitischen und sunnitischen Irakern eine neue Verfassung zu geben". Der Mann mag ein ausgezeichneter Verfassungsrechtler sein, er mag sich mit den irakischen Verhältnissen besser auskennen als alle deutschen Essayisten zusammen, aber er ist Jude, und das disqualifiziert ihn nach Meinung der Feuilleton-Schreiberin für diesen Job. Klar, ein deutscher, garantiert nicht jüdischer Experte müsste im Irak ran dürfen, aber Bush hört ja nicht auf Augstein. Der antisemitische Ausfall tarnt sich hier als Besorgnis um die Sensibilitäten der Iraker. Deutsche Intellektuelle waren schon immer federführend bei der Verteidigung kultureller Eigenheiten fremder Völker, auch wenn diese rabiaten Antisemitismus, Frauenunterdrückung und religiösen Wahn beinhalten. Die US-Amerikaner, so die Botschaft, hätten diese "Sensibilität" nicht. Kann man ja von einer multikulturellen Nation, in der alle nur denkbaren Religionen und Lebensentwürfe toleriert werden, auch nicht erwarten, oder?

Wunschdenken

Nach ihrer Kritik daran, dass just ein Jude an der neuen Verfassung des Irak mitarbeitet, beweint Augstein die Unfähigkeit der Europäer, den USA machtpolitisch die Stirn zu bieten: "Die EU droht zur Bedeutungslosigkeit vergrößert zu werden. Immerhin mag sie noch als Wirtschaftsraum Erfolg haben. Und nur als Wirtschaftsraum wird sie mit den USA in Konkurrenz treten können." Hinter dem Bedauern steckt hier der Wunsch nach einem militärisch starken Europa, das in der Lage wäre, die Argumente deutscher Feuilletonisten den USA notfalls auch mit Atomraketen näher zu bringen.

Dass ein militarisiertes Europa nur durch die völlige Zerstörung sozialer Sicherungssysteme finanzierbar wäre, verschweigt Augstein ebenso wie die Tatsache, dass Europa und vor allem Deutschland ihre historischen Chancen bereits hatten und zu nichts anderem als Eroberungsfeldzügen und Völkermord nützten.

Augsteins Rede reiht sich ein in die geistigen Erzeugnisse der leider immer mehr Gehör findenden Ideologie-Lieferanten eines nach Weltmacht strebenden, unter deutscher Führung stehenden Europas, die bei Bedarf nicht davor zurückschrecken, chauvinistische Vorurteile zu bemühen.

Nachdem all die Prophezeiungen über einen langen, verlustreichen Krieg im Irak nicht eintraten, kritisiert man jetzt halt die angebliche Unfähigkeit der Amerikaner, stabile demokratische Verhältnisse zu schaffen - bestenfalls, denn viele Kommentatoren gehen in ihrem USA-Hass so weit, selbst die Demokratisierung an sich anzuprangern: Wenn ein Volk Diktatur, Menschenrechtsverletzung und Aberglauben statt Mitbestimmung, Rechtsstaat und Liberalität wolle, müsse man dies respektieren, so dieselben Stimmen, die den Bombenkrieg gegen Jugoslawien, das damals immerhin über einen demokratisch gewählten Präsidenten verfügte, einst stürmisch unterstützten.

Dass diese Kommentatoren bloß sauer sind, dass eine andere Macht als jene, die ihnen Staatspreise verleiht, von nun an dort Ölgeschäfte machen wird, ist die Wahrheit hinter all dem verbalen Herumgetanze um den heißen Brei.

(DER STANDARD, Print, 22.07.2003)