"Ohne Weltuntergangsstimmung": Sebastian Loudon.

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Vor "Kaputtsparen" der Medien warnt Hans-Jörgen Manstein.

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STANDARD: Wenn man sich Themen und Aussagen der ersten Medientage 1994 ansieht -  vieles könnte auch heute gesagt werden, etwa über Politik und ORF und Gebühren und Werbemöglichkeiten und darüber, dass die Verlagshäuser trotz oder wegen Internet optimistisch sind: Würde es nicht reichen, sie alle zehn oder 20 Jahre zu veranstalten?

Loudon: Wie absurd das wäre, sehen wir gerade beim Durchforsten der Aufzeichnungen früherer Medientage. Der damalige Generaldirektor der Post- und Telegrafenverwaltung, Josef Sindelka, sagte über das Internet, das hätten sie im Griff, das sei schließlich wie eine Autobahn und die Post hätte die Mauthäuseln dafür.  Oder wieviele Kommunikationsprofis gemeint haben, das Web ließe sich aussitzen...

Manstein: Das habe ich übrigens auch einmal gesagt.

STANDARD: Und heute kaufen Sie das Fachmedium Werbeplanung.at.

Manstein: Das war großteils Sebastian Loudons Initiative. Aber ich glaube auch, dass wir das Thema digitales Marketing abdecken müssen. Und ich habe das durchgekämpft. Ich zum Beispiel habe keine Antwort auf die Herausforderung des Internet. Also brauche ich Menschen, die sie haben – oder eine Vorstellung, wo und wie sie sie finden. Das muss Sebastian tun.

Loudon: Es ist schon fantastisch, wie stark sich die Medienwelt in diesen 20 Jahren verändert hat. Es mag eine legitime Frage sein, ob man so einen Kongress jährlich veranstalten soll. Regelmäßig sollte man das auf jeden Fall tun.

Manstein: Die Medientage sollen jedes Jahr das Heute kritisch reflektieren. Und wie sieht dieses Heute aus? Österreich hat seit zehn Jahren kein Wirtschaftswachstum. Alle Medien stehen umsatzmäßig dort, wo sie 2007 waren. Wir haben Jahre verloren. Was ist die Antwort der Medienleute? Kaputtsparen der Medien. Die Personalkosten wachsen ja weiter. Also müssen sie entweder Leute abbauen oder am Produkt sparen. Ich spare auch in meinem Haus – aber nur, indem wir den Gürtel ein bisschen enger schnallen und nicht drastischer vorgehen. Ich versuche, nicht in die Qualität der Redaktion einzugreifen. Ich kann doch niemandem ein Unternehmen hinterlassen, das kaputtgespart ist.

STANDARD: Ein wesentliches Standbein der Fachverlagsgruppe Manstein ist der Bereich Medien. Wenn es der Branche so schlecht geht – wie geht es dem großen Branchenmedienverlag?

Manstein: Wir haben heuer eine gute Entwicklung. Aber voriges Jahr sind wir nicht sehr erfolgreich gewesen. Wir hatten den kleinsten Gewinn in Relation zum Umsatz.

STANDARD:  Immerhin ein Gewinn.

Manstein: Wir sind ja ein verwöhntes Unternehmen. Wenn wir nur einen hohen einstelligen Gewinn haben, gehört das nicht zu den besten Jahren.

STANDARD: Wir dürfen davon ausgehen, dass Sie bei den Stellen die Umsatzrendite in Prozent meinen?

Manstein: Zwei Stellen sind für mich eine Selbstverständlichkeit. Ich bin ja nicht mehr Eigentümer. Die Eigentümer – der Deutsche Fachverlag – geben mir das Vertrauen. Ich bin für fremdes Geld verantwortlich. Für die Investition möchte ich das Größtmögliche herausholen.

STANDARD: A propos: Haben Sie noch Investitionspläne nach dem jüngsten Zukauf?

Manstein: Ich habe noch einen Wunsch: Ich bin hinter einem Medium her, das ich haben möchte.

STANDARD: Das Objekt der Begierde?

Manstein: Kann ich noch nicht sagen. Es ist schwierig.

STANDARD: Sie werden ja nicht den Extradienst kaufen wollen?

Manstein: Den will ich nicht kaufen. Aber Herr Mucha würde sich bestimmt sehr freuen, wenn ich ihm ein Angebot machte.

STANDARD: Geht es um ein Medien-Branchenmedium?

Manstein: Nein.

STANDARD: Kehren wir zurück zur Lage der Branche, der sie „Kaputtsparen" vorwerfen.

Manstein: Ich bin keiner jener Verlags-Manager, der nach vier Jahren geht und hinter sich die Sintflut lässt  - aber in seinem Curriculum Vitae behauptet, er habe das jeweilige Medium erfolgreich geführt. Von diesen Menschen werden die traditionellen Medien zugrunde gerichtet.

STANDARD: Ein gutes Stichwort: Verlags- und Sendermanager werfen Medienjournalisten vor, sie berichteten zu negativ über die Branche. Die gleichen Manager erklären bei Debatten wie den Medientagen auf dem Podium, wie krisenhaft und düster die Lage ist. Nicht immer erst, wenn sie danach gefragt werden.

Loudon: Wir wandern da über einen schmalen Grat: Über Jahre wurde den Medientagen vorgeworfen, die Branche würde sich dort nur selbst beweihräuchern: Alle sitzen an einem Tisch und erklären einander, wie toll und super es doch ist. Der Gegenpol ist der Vorwurf des kollektiven Krankjammerns. Grundsätzlich bemühen wir uns, konstruktive Diskussionen herbeizuführen - ohne die frühere Selbstbeweihräucherung und ohne Weltuntergangsstimmung. Aber wenn jemand auf dem Podium depressiv ist und alle daran teilhaben lassen will, können wir das nicht verhindern

Manstein: Zugegeben, oft haben wir Leute bei den Medientagen, die mit dem Trauerflor für die Branche aufs Podium kommen. Aber die Medien-Branche spiegelt doch den Zustand des Landes wider: Die Politik administriert nur noch. Die Herren Medienmanager wissen keine Antwort als Sparen, Sparen, Sparen... Wir brauchen Leute mit Visionen!

STANDARD: Wärmen Sie sich gerade auf für Ihre alljährliche Eröffnungsrede? Ich hatte ja schon den Verdacht, dass sie die Medientage nicht zuletzt dafür veranstalten, dass Sie es der Branche und den Medienpolitikern, die sich noch hintrauen, einmal im Jahr persönlich reinsagen.

Manstein: Heuer wird sie freundlich sein.

STANDARD: Sind Sie gar zufrieden mit der Lage von Medien und Politik?

Manstein: Nein, aber ich sehe heuer andere  Probleme. Ich werde jeder künftigen Regierung raten, das Transparenzgesetz zu novellieren. Ich bin ein großer Gegner dieses Transparenzgesetzes.

STANDARD: Was wäre denn sinnvoll? Gesetz streichen und weiter schalten und walten wie zuvor?

Manstein: Die Medien haben sich-ökonomisch – in den vergangene Jahren zu sehr in Abhängigkeit der Öffentlichen Hand und der öffentlichen Förderungen begeben. Und damit auch an redaktioneller Souveränität aufgegeben. Das ist ein fataler Kreislauf, den die Politik nutzt. Insofern war es ein Fehler des Zeitungsverbands unter dem Motto der gerechten Verteilung das Medientransparenzgesetz zu forcieren. Erstens profitieren natürlich wieder die großen reichweitenstarken und gratis vertriebenen  Boulevardmedien, die kein Interesse an echter Aufklärung im politischen Sinn haben. Und zweitens dokumentiert man gewissermaßen öffentlich: Wir brauchen die Förderung durch die Politik, um zu überleben. Das ist fatal. Schauen sie in die Vergangenheit : Diktaturen, insbesondere der Nationalsozialismus, haben gezeigt, wie rasch man in wirtschaftlich volatilen Zeiten Medienkonglomerate ökonomisieren und gleichschalten kann. Das Resultat kenne sie.

STANDARD: Aber als Journalist kann ich Transparenz jedenfalls nicht schlecht finden. Auch wenn Verleger über wirtschaftliche Kollateralschäden klagen, dass die öffentliche Hand nicht mehr so bereitwillig investiert, weil sie das offenlegen und womöglich öffentlich begründen muss.

Loudon: Es ist eine untaugliche Maßnahme gegen einen unerträglichen Zustand der Branche. Das Ergebnis: Der Falter jammert und Oliver Voigt, Manager der Zeitung Österreich, ist es ziemlich egal.

Manstein: Die volle Wahrheit bekommen wir mit dem Gesetz nicht in den Griff.

Loudon: Schon allein deshalb nicht, weil die Offenlegung auf die eine oder andere Art umgangen werden kann. Die traurige Wahrheit ist: Hätten sich manche Verleger und Politiker besser benommen, hätte es das Transparenzgesetz nicht gebraucht.

Manstein: Die Politik muss wissen, dass eine Demokratie eine Vielfalt der Medien braucht. Die Politik muss wissen, dass sie dafür zumindest mit verantwortlich ist. Sie kann fördern – aber sehr gerecht. Ich bezweifle, dass die jetzige Förderung so gerecht ist.

Loudon: Politik steht heuer auch im Mittelpunkt der Medientage - die heuer in der Woche zwischen der deutschen Bundestags- und der österreichischen Nationalratswahl stattfinden. Unser Generalthema: Medien, Politik und Demokratie – ein Widerspruch?

Manstein: Die Medientage wenden sich längst an gesellschaftliche Stakeholder - Wissenschaft, Politik etwa. Vorgänger der Medientage war die Werbewirtschaftliche Tagung mit unwahrscheinlichen 1700 bis 2100 zahlenden Teilnehmern. Wirtschaftskammer, Wifi und Werbewissenschaftlichen Gesellschaft haben die Veranstaltung dann aufgegeben – und ich habe gesagt: Dieses Feld darf man nicht aufgeben - wir machen die Medientage.

STANDARD: Nach dem Muster der großen Münchner Medientage.

Manstein: München war immer unser Vorbild. Ich stehle gerne gute Ideen. Aber die Münchner haben einen Vorteil gegenüber uns: Sie bekommen von Bayerns Regierung dermaßen viel Geld... Das waren schon vor 20 Jahren weit mehr als drei Millionen D-Mark, also mehr als eineinhalb Millionen Euro.

STANDARD: Wo Sie schon beim Geld sind: Was verdienen Sie denn mit den österreichischen Medientagen?

Manstein: Die Medientage sind kein wirkliches Geschäft. Beim Handelsforum unseres Branchenmagazins Cash habe ich neun Jahre hineininvestiert.  Aber danach wurde das investierte Geld zurückverdient. Für die Medientage gilt eine Umwegrentabilität. Wir machen heute einen Gewinn, unsere Eventabteilung und Organisator Michael Himmer haben aber auch einen gewaltigen Aufwand – denken Sie nur an die 130 Referenten an drei Tagen. ...

STANDARD: Sie verraten mir, was Sie damit verdienen?

Manstein: Die Medientage sind brav im Plus. Alleine,  wenn diese Veranstaltung einen wesentlichen Teil zum Deckungsbeitrag liefert und am Ende zum Gewinn beiträgt, ist sie erfolgreich. (DER STANDARD, 22./23.6.2013, Langfassung)