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Verschwinden Medien einfach, oder verändert sich nur ihre Bedeutung?

Foto: APA/dpa/Daniel Karmann

Wien - Vor genau 100 Jahren machte sich der deutsche Journalist Wolfgang Riepl Gedanken über die Veränderung der Medien. In seiner Dissertation formulierte er die Hypothese, dass "kein Instrument der Information und des Gedankenaustauschs, das einmal eingeführt wurde und sich bewährte, von anderen vollkommen ersetzt oder verdrängt wird."

Auf gut Deutsch also: Medien sterben nicht aus, sondern verändern nur ihre Funktion. Diese These lässt sich einerseits recht einfach widerlegen, denn niemand schickt heute mehr Telegramme oder Boten. Andererseits gibt es immer noch alte Medien wie das Kino, Radio oder die Zeitung.

Spätestens mit der Erfindung der CD schien das Ende des Vinyls eigentlich eine geritzte Sache, und doch findet man heute in Wien noch einige Geschäfte, die diese Tradition bewahren. Eines davon befindet sich in einer Seitengasse der Mariahilfer Straße: Dynamic Records ist spezialisiert auf elektronische Musik aller Art, Reggae und Hip-Hop.

An einem Montagvormittag ist das Geschäft ruhig, nicht mal ein paar Beats kommen aus den Boxen an der Wand. Fein säuberlich nach Genres sind die schwarzen Platten geordnet. Drum 'n' Bass und Dubstep kennen die meisten, bei Grime, Raggatek oder Frenchcore weiß man schon weniger, worum es sich handelt.

Ein Mausklick reicht

Seit 16 Jahren gibt es den "Recordstore" mittlerweile, in dieser Zeit hat sich für die Musikindustrie fast alles geändert. Es gibt etwa kaum noch Jugendliche, die sich ihre Platten aus dem Laden holen. Ein Mausklick, und man kann die Tonspur eines Youtube-Videos herunterladen. Andere Jugendliche digitalisieren die Vinyls ihrer Eltern und machen die Musik so für die Generation iPod nutzbar.

Der Großteil an Musik wird wohl einfach über Filesharing-Netzwerke wie BitTorrent oder Rapidshare runtergeladen, manchmal schon vor dem offiziellen Erscheinungsdatum.

Gesetzlich bewegt sich das Filesharing in einer Grauzone: Generell sind Downloads für den Privatgebrauch zwar erlaubt, solange es sich um keine illegalen Inhalte handelt. Wer aber zum Beispiel BitTorrent verwendet, wird automatisch zum Uploader ohne urheberrechtliche Genehmigung - und macht sich somit strafbar.

Kaum Kunden unter 20

Zurück im Recordstore: Am Verkaufstresen erzählt der Verkäufer von den Problemen des Plattengeschäfts. Bei ihm seien kaum Kunden unter 20 Jahren, außerdem gingen die Zahlen der produzierten Platten trotz des aktuellen Retro-Booms seit Jahren zurück. Offensichtlich gibt es aufgrund des einfachen Zugangs zu kostenloser Musik kaum noch Jugendliche, die gewillt sind, Geld für Platten auszugeben. Der 18-jährige Peter ist da mit seiner Ansicht wohl die Ausnahme: "Ich bevorzuge CDs und Platten, weil ich mich mit einer MP3-Datei nicht richtig identifizieren kann. Eine Vinyl kann man angreifen, da ist die Haptik eine ganz andere."

Und doch hat das Internet nicht nur Unheil über die Musikbranche gebracht, gerade unabhängige Musiker profitieren von den Möglichkeiten des World Wide Web. Durch Youtube oder Myspace entstanden viele Wege, wie Musiker auch ohne Labelvertrag und teuren Vertrieb ein Millionenpublikum erreichen können.

Ein Weg dazu ist Bandcamp. Auf der englischen Seite kann man alle hochgeladenen Alben kostenlos abspielen, der Preis für den Download wird vom Interpreten selber festgesetzt. Die Website behält 15 Prozent vom Erlös ein, den Rest erhält der Künstler. Zum Vergleich: Bei einem traditionellen Labelvertrag gehen im Schnitt nur vier Prozent an den Künstler, wie es die Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland errechnete. Fast drei Viertel des Erlöses wandern an das Label, den Handel und den Vertrieb.

Persönliche Einstellung

Die Prognose, dass man mit Musik im Internet kein Geld mehr machen kann, ist also falsch. Am Ende kommt es ganz auf die persönliche Einstellung an, ob man bereit ist, für die Leistung eines Musikers zu zahlen. Vielleicht behält Wolfgang Riepl dann doch recht, wenn wir in 100 Jahren noch immer Vinylplatten kaufen. (David Tiefenthaler, DER STANDARD, 26.6.2013)