In der weltweit ersten industriellen Power-to-Gas-Anlage in Werlte sollen 1000 Tonnen Methangas pro Jahr hergestellt werden.

Foto: Audi/kati ebner

Das Land ist flach, wie es flacher nicht geht. Getreide- und Kukuruzfelder wechseln sich mit Mischwäldern ab. Orte tragen so vielsagende Namen wie Herzlake, Spankarrenstätte, Haselünne. Oder heißen schlicht - Werlte.

Was wie das Ende der Welt klingt, ist in gewissem Sinn die Umkehrung der Welt. Denn hier, knapp eineinhalb Autostunden von Bremen entfernt, wird in großindustriellem Maßstab aus Strom synthetisches Gas gemacht.

"Dass man das jetzt auch schon künstlich herstellen muss, hab' ich nicht vermutet. Ich dachte, Gas sei genug vorhanden", sagt Torsten Gausepohl. Der Mittvierziger ist Tankwart in einer Nachbargemeinde von Werlte und verkauft neben Benzin und Diesel auch Erdgas. 95 Cent kostet das Kilogramm. Auf 100 Kilometer verbraucht ein Erdgasfahrzeug der neueren Generation durchschnittlich etwas mehr als vier Kilo.

Mehr als genug Strom

Er habe gehört, dass da etwas gemacht wird. "Strom aus Gas, hab ich gedacht. Obwohl - Strom haben wir hier mehr als genug." Gausepohl deutet auf die Windräder vor seiner Nase.

Tatsächlich sind es gerade die Windräder und die fluktuierende Produktion von Strom, die den Autohersteller Audi bewogen haben, hier den Versuch zu starten, überschüssigen Strom in Gas zu transformieren und so lagerfähig zu machen. Die Krux an der elektrischen Energie ist, dass sie genau dann verbraucht werden muss, wenn sie anfällt.

Speichern und tanken

Was in den Alpen mit Pumpspeichern möglich ist, fällt im Flachland als Option weg. Da gibt es kein Gefälle, das es einem erlaubte, mit überschüssiger Energie Wasser nach oben zu pumpen und im Bedarfsfall über Turbinen rauschen zu lassen. Im niedersächsischen Werlte will man dann, wenn ein Überangebot im Stromnetz vorhanden ist und Windräder eigentlich abgeschaltet werden müssten, synthetisches Gas erzeugen. Dann ist der Strom auch besonders günstig.

Mittels Elektrolyse wird Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2) aufgespaltet (siehe Wissen). "Wir könnten auch den Wasserstoff verwenden, aber es gibt noch keine entsprechende Infrastruktur. Und selbst wenn es entsprechend viele Wasserstofftankstellen gäbe, müsste die Verteilung mittels Tanklastwagen erfolgen, was wiederum schlecht für die Klimabilanz wäre", sagt Audi- Ingenieur Reinhard Otten bei einem Lokalaugenschein des Standard. "Deshalb kombinieren wir den Wasserstoff mit Kohlendioxid (CO2) aus einer Biogasanlage am Standort und gewinnen Methan."

Pilotanlage bei Stuttgart

Mitverantwortlich ist ein Österreicher. Der Salzburger Gregor Waldstein, der sich mit seiner früheren Firma Solarfuel mit Biokraftstoffen beschäftigt hat, ist vor ein paar Jahren auf "Power to Gas" gestoßen. In Stuttgart, wo auch seine neue Firma Etogas ihren Sitz hat, errichtete Waldstein mit Spezialisten eine Pilotanlage. Der Autobauer Audi, auf der Suche nach einem möglichst CO2-armen Kraftstoff, wurde darauf aufmerksam und suchte den Kontakt.

Etwas mehr als 20 Mio. Euro hat das Unternehmen inzwischen in Werlte investiert, 1000 Tonnen Methangas sollen es pro Jahr werden - genug, um etwa 1500 Erdgasautos ein Jahr lang zu betanken. Wenn die Politik mitspielt und die Anlage von diversen Abgaben befreit, könnte das Beispiel Werlte an vielen anderen Standorten Schule machen. Damit könnte sich auch der umstrittene Bau von Starkstromleitungen erübrigen. (Günther Strobl, DER STANDARD, 27.6.2013)