Jan Rodenburg ist zuerst einmal eine Erscheinung. Seinen Lebensinhalt sieht er gemeinsam mit seiner Frau Barbara in nachhaltiger Fischerei im Wattenmeer. Aber Fischerei ist eigentlich zu kurz gefasst, denn die beiden organisieren die gesamte Logistik-Kette – von Fang, Ein- und Verkauf bei der Fischauktion in Den Oever, direkte Lieferung an Restaurants, bis zum Endverkauf am Wochenmarkt in Utrecht und Amsterdam sowie die Fischzubereitung im eigenen Slow Fish Café in Lauwersoog, das mittlerweile zu den besten 15 Fischrestaurants in Holland zählt.

"Wer gute und frische Qualität hat, kann simpel kochen!" erklärt Jan seine Küchenphilosophie.

Foto: Bianca Gusenbauer
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Ein unorthodoxes Fischerpärchen mit Mission, das klein strukturiert ist, aber ganz groß denkt. Denn Barbara und Jan sind auch der Kopf der nachhaltigen Fischervereinigung "Gute Fischer" , die sich für einen nachhaltigen Fischfang in Holland einsetzt und rund 35 Fischer als Mitglieder zählt. Ihre Mission auf die Probleme in der Fischerei aufmerksam zu machen, beziehungsweise eine Alternative vorzuleben, füllt ihr Leben vollkommen aus.

Das Naturschutzgebiet Wattenmeer zählt zu den schwierigsten Fischereigebieten, da die dort heimische Meeräsche nach einer sehr alten handwerklichen und nachhaltigen Tradition gefischt wird. Viel körperlicher Einsatz, eine enge Beziehung zum Wattenmeer und eine zur herkömmlichen Fischerei vergleichbar geringe Ausbeute stellen dabei die Herausforderungen dar.

Foto: Bianca Gusenbauer
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Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Daher versuchen die Fischer rechtzeitig im Hafen von Den Oever einzulaufen, um bei der Auktion früh gereiht zu werden. Während der frische Fang frühmorgens bereits gegen sechs Uhr in den Hallen sortiert und nach Größe kategorisiert wird, um anschließend bei der Versteigerung zu einem hoffentlich guten Preis verkauft werden zu können, widmen sich die Fischer ihren Booten, flicken Netze oder führen andere Reparaturarbeiten durch. Aber sobald der Fang gesichtet wurde, kann der Handel beginnen.

Foto: Bianca Gusenbauer
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Volle Konzentration, ein guter Überblick über das Angebot und den aktuellen Marktpreis sowie eine umfassende Kenntnis über die jeweilige Qualität und Philosophie der Fischerboote sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Ersteigerung. Die Auktion beginnt, die Spannung steigt. Der Bildschirm erwacht zum Leben und der für die jeweilige Fischsorte ausgerufene Preis wird am Bildschirm angezeigt. Jans Zeigefinger ruht dabei immer auf der Leertaste, um in einem Sekundenbruchteil die automatische Preisspirale nach unten zu stoppen.

Foto: Bianca Gusenbauer
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Wenn der Fisch keinen Käufer zu dem von der EU festgelegten Mindestpreis findet, wird der Fisch vernichtet und somit dem Markt entzogen. Die Tragik der sinnlosen Lebensmittelvernichtung, das Dilemma der Allmende und der Preisstabilität können hier live miterlebt werden.

Rund 10 Prozent der angebotenen Fische werden an diesem Tag aus dem Verkehr gezogen. Jan nennt Mitte Juli die geschlossenen Restaurants, die bereits begonnenen Sommerferien und die damit geringere Nachfrage als Gründe dafür, da jährlich geschätzt "nur" rund 1 Prozent des Fischangebotes in Den Oever vernichtet werden muss. An diesem Tag kauft Jan daher auch 60 kg mehr Fisch als benötigt, um ihn vor der Vernichtung zu retten.

Foto: Bianca Gusenbauer
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Das Engagement von Barbara und Jan im Kleinen und Großen ein Umdenken im Fischkonsum und in der Fischerei zu bewirken, braucht viel Energie und Überzeugungsarbeit. Denn auch am Nachmittag, als Jan, der bereits seit vier Uhr morgens auf den Beinen ist, am Wochenmarkt in Utrecht ankommt, um seine bereits wartenden Stammkunden zu bedienen, ist er immer noch "on duty" und erzählt bereitwillig und ausführlich über die Herkunft und Frische der Fische. Sein Engagement scheint Früchte zu tragen, denn die wartenden Kunden vor seinem Stand scheinen kein Ende zu nehmen.

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Für Konsumenten ist es meistens sehr schwierig herauszufinden, woher der Fisch stammt. Piratenfisch, d.h. Fisch aus nicht reguliertem und illegalem Fischfang, überschwemmt den Markt und zerstört sowohl die Artenvielfalt im Meer als auch die Marktpreise.

Foto: Bianca Gusenbauer
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"Slow Food Fish" rät daher zu lokalem Fisch, um der Piraterie und Überfischung der Weltmeere entgegenzuwirken. Jan und Barbara liefern auch Fisch für die Initiative "This Fish", bei der die Herkunft des Fisches rückverfolgt werden kann.

Mehr Fotos und Infos zu Fisch und Essen in Holland sind auf meinem Blog Gib Bianca Futter! zu finden. (Bianca Gusenbauer, derStandard.at, 29.7.2013)