Ein Jahr ist es her, dass das Internationale Komitee des Roten Kreuzes die Situation in Syrien als nicht-internationalen bewaffneten Konflikt klassifiziert hat, die letzte Stufe der Auseinandersetzungen, die – in variierender Intensität – seit nunmehr über 2 Jahren schwelgen, ohne dass eine realistische Aussicht auf Frieden bestünde.

Wie in so vielen Konflikten spielen die USA auch hier eine entscheidende Rolle; deren Fahrtrichtung ist seit je her klar – Assad muss weg, die einzig offene Frage ist die nach dem Wann. Bereits im Februar 2012 etwa hatte die US-Delegierte beim Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Susan Rice anlässlich der damals gescheiterten Resolution das chinesisch-russische Doppelveto heftig kritisiert und implizit einen Regimewechsel gefordert: "In dieser Zeit des Wandels können die Menschen im Mittleren Osten jetzt klar erkennen, welche Nationen sich dazu entschieden haben, ihre Forderung nach Demokratie zu ignorieren, um stattdessen verzweifelte Diktatoren zu stützen."

In den letzten Wochen wird die überbordende Bedeutung dieses Ziels in voller Klarheit erkennbar; so traf die Mitte Juni getroffene Ankündigung, Assads Kontrahenten mit Waffen beliefern zu wollen, zeitlich mit der zumindest theoretischen Aussicht auf Friedensgespräche zusammen und erfolgte obendrein in einer Phase, in der die Aufständischen vermehrt an Boden verloren.

Seitdem haben sich die Gräben zwischen den einzelnen Oppositionellengruppen weiter aufgetan, wie allen voran die Ermordung des FSA Kommandanten Kamal Hamami und der zunehmende Alleingang der kurdischen PYD gezeigt haben.

Neue Dimensionen

Parallel zu diesen Entwicklungen erreichen die schon seit längerem bestehenden US-Überlegungen, direkt militärisch gegen Assads Regime vorzugehen, eine neue Dimension. Diese verdeutlichen das Bestreben, das Machtgleichgewicht wiederherzustellen bzw. zu Gunsten der Gegner Assads zu verschieben. So spricht das dieser Tage an den Kongress übermittelte Memorandum explizit davon, dass alle dort genannten Eingriffsoptionen dem Zweck dienen, der Opposition zu helfen und den Druck auf das Regime zu erhöhen – freilich auf Kosten einer Verlängerung des Krieges und des damit einhergehenden Leids.

Der am häufigsten genannte und wohl wichtigste Grund für diese Vorgehensweise besteht weniger im vorgeblichen Streben nach der Etablierung einer Demokratie in Syrien als in Assads enger Bindung zum Iran, dem großen Feindstaat der USA im Nahen Osten. Obendrein ist Syrien gemeinsam mit den schiitisch geprägten Provinzen im Irak und der Hisbollah im Libanon Teil des Korridors, der diesem den Zugang zum Mittelmeer ermöglicht. Hinzu kommt die US-Allianz mit den sunnitischen Staaten in dieser Region, die ebenfalls ein vitales Interesse daran haben, den an zuletzt an Stärke und Bedeutung gewinnenden Iran so weit als möglich zu schwächen. Ein Saudi-Arabien und/oder anderen sunnitischen Staaten in der Region gewogenes bzw. von diesen kontrolliertes Regime würde diesen Zweck ebenso erfüllen wie die Wiederholung des fragwürdigen libyschen Experiments, auf dem Schutt eines durch ausländische Kräfte entschiedenen Bürgerkrieges eine Demokratie aufzubauen.

Kein eiliger Regimewechsel

Das ist jedoch noch nicht alles; Zyniker unterstellen den USA, es mit dem Regimewechsel nicht allzu eilig zu haben und den Konflikt in Syrien absichtlich und bewusst zu verlängern. Mit anderen Worten: die USA gedenken vorerst genau so viel zu tun, wie nötig ist, um die Kämpfe am Laufen zu halten. Schließlich sind ihnen beide Seiten nicht sonderlich gewogen: neben Assad selbst ist hier die mit ihm verbündete und im Westen auf wenig Gegenliebe stoßende Hisbollah zu nennen, die sich seit Jahren auf der US-Liste von Terrororganisationen befindet und deren militärischer Flügel jüngst auch von der EU als Terrororganisation eingestuft wurde. Zeitgleich ist es mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass sich unter den lose als „Rebellen" bezeichneten Kämpfern zahlreiche radikal-islamistische und Al-Kaida nahestehende Fraktionen befinden.

Insofern könnten die USA sich als lachender Dritter sehen, dem ein Fortdauern der Kämpfe zwischen ihm feindlich gesonnen Gruppen nur Recht sein kann. Sollte das zutreffen, würden sie sich auch als weniger naiv entpuppen, als ihnen vielfach unter Verweis auf die Spätfolgen der Unterstützung der Mudschaheddin in Afghanistan vorgeworfen wird. Ein gefährliches und moralisch höchst fragwürdiges Spiel wäre ein derartiges kalkuliertes Anfüttern des Krieges natürlich dennoch. (Leserkommentar, Ralph Janik, derStandard.at, 31.7.2013)