Regelmäßig taucht das Schreckgespenst Demenz in den Medien auf. Zuletzt (30.7. ZIB 1) mit der spektakulären Meldung, ein Marker im Blut sei gefunden worden, der die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung anzeigen könne. Somit wäre die Früherkennung mittels einfachen Bluttests möglich. In einem Jahrzehnt soll es soweit sein, ein Durchbruch. Für wen?

Die Zahl der Demenzkranken steigt stetig, 10% der über 80-Jährigen sind betroffen. Glaubt die Medizin wirklich, mit Bluttests diese Entwicklung zu stoppen? Jahrzehntelange Forschung konnte bisher nichts gegen Demenz ausrichten. Verminderte Durchblutung oder degenerative Veränderungen im Gehirn führen zu dessen abnehmender Funktion. Warum das alles passiert, ist unbekannt.

Steigende Demenz mit der steigenden Lebenserwartung zu erklären, ist unsinnig. Das zeigt der Blick in die Biografien hochbetagter und geistig völlig klarer Menschen. Bereits in jungen und mittleren Jahren gestalteten sie ihr Leben aktiv und erfüllend. Oft kämpften sie für etwas, das ihnen wichtig war. Die Kommunikation mit anderen spielte und spielt eine große Rolle.

Interessant, dass bei dieser Lebensweise Ernährung und Bewegung automatisch im Gleichgewicht gehalten wurden. Beide sind wichtige Pfeiler gesunder Hirnfunktionen.

Stimulus ist wichtig

Eines findet sich nicht im langen Leben dieser Senioren: verblödender Konsum und Fernsehen als Hauptbeschäftigung. Der wichtigste Stimulus für das Gehirn ist eine Tätigkeit, die dem Dasein echten Sinn gibt. Diese ist individuell, jeder kann sie finden. Wenn der Stimulus fehlt, reduziert das Gehirn allmählich seine Funktion auf Sparmodus. Keine Krankheit, sondern die logische Reaktion der Natur.

Einmal sichtbar, ist diese Entwicklung kaum noch aufzuhalten. Ihre Früherkennung ist keine Prävention. Es bedarf keiner teuren Forschung, um zu erkennen, dass Lebensweise und Lebensumstände eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Demenz spielen. Prävention in jungen und mittleren Jahren ist die wirksamste Methode, geistige Umnachtung im Alter zu verhindern.

Warum kümmert sich unser teures Gesundheitssystem kaum um Vorbeugung? Wir erwarten von Medikamenten, dass sie Schaden beheben, der über Jahrezehnte angerichtet worden ist. Die Medizin unterstützt diesen Trugschluss.

Es ist erschreckend, wie viele Ärzte die Lebensumstände als Ursache von Krankheiten ignorieren. Bei Demenz wird das "psychosoziale"  Umfeld nur nebenbei erwähnt. Es als wesentliche Ursache anzusehen hieße, mit dem Patienten über Lebensweise und –umstände zu sprechen, rechtzeitig und ausführlich.

Fehlende Empathie

Dafür fehlt den Ärzten die Zeit, manchen auch Interesse und Empathie. Es ist bequemer, ein teueres Medikament zu verschreiben als mit dem Patienten sein persönliches Umfeld zu durchleuchten.

Die Gesundheitspolitik fördert diese Haltung, echte Ursachenforschung für Demenz findet nicht statt.  Angesichts der explodierenden Kosten für Medikamente und Pflege ist das fatal. ein Umdenken dringend angezeigt.

Prävention ist langfristig der stärkste Kostendämpfer. Dem Arzt das ausführliche Gespräch mit dem Patienten zu honorieren, es als wichtigen Teil der Behandlung einzufordern, sollte selbstverständlich sein.

Demenz kann jeden treffen

Bei den Menschen muss das Bewusstsein für Vorbeugung viel stärker geweckt werden. Ein autonomer Patient nimmt seine Gesundheit selbst in die Hand, lange bevor Beschwerden auftreten. Demenz hängt nicht vom Glück oder den Genen ab, sie kann im Alter jeden von uns treffen. Jetzt nicht in Prävention zu investieren, wird uns alle viel Geld kosten. Und einige den klaren Kopf. (Anja Krystyn, derStandard.at, 5.8.2013)