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Als YDP-Jedermann hochaktiv: Philipp Hochmair.

Foto: APA/BARBARA GINDL

Salzburg - Die digitale Laufschrift auf der Bühne der Arge Kultur spricht es deutlich aus. Hofmannsthals Jedermann "ist als ein geistlich Spiel bewandt". Wer es aufführt, muss den spirituellen Gehalt des Stückes zumindest erwogen haben. Der tausendste Hinweis auf die "Frömmelei" der Heilsbotschaft verfängt nicht: Man kann keinen Braten essen wollen und den Gebrauch des Schlachtermessers untersagen.

Auf dem Domplatz haben zwei neue Jedermann-Regisseure aus England und Amerika das skeptische Festspiel-Publikum erst unlängst zu beschwichtigen versucht. Erfolglos: Mit Jedermann als Jammerlappen und einer fahrradfahrenden Buhlschaft tritt das Unzeitgemäße von Hofmannsthals Botschaft nur umso schärfer ans Licht. Was nicht gegen das Stück spricht. Sondern nur gegen die heilige Einfalt, mit der man den Jedermann um seine wichtigsten Inhaltsstoffe bereinigt.

Die zweite Jedermann-Unternehmung dieses Salzburger Festspiel-Jahres ist ein Produkt der Nachwuchspflege. Regisseur Bastian Kraft hat das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" noch einmal näher ans Auge herangezoomt. Der Batzen Geld, um den er streitet, macht die stolze Summe von 10.000 Euro aus. Sie wird als "Young Directors Award" unter tätiger Mithilfe von Sponsor Montblanc an einen von vier Spielleitern vergeben.

Geld und Reichtum sind Jedermann auf Zeit geliehen. Ziffern einer digitalen Zeitangabe schmücken die Wand der schlackenschwarzen Bühne (Peter Baur). Auf deren rechten Hälfte hüpft eine Sängerin namens Simonne Jones zu selbsterzeugten Klängen. Sie trägt eine Flying-V-Gitarre umgeschnallt. Später wird sie ans Harmonium hinüberwechseln. Als Tod mit zauberhaftem Akzent stürzt sie Jedermann (Philipp Hochmair) in furchtbare Verlegenheit. Ihr Gesang erinnert an das Gejuchze von Schwarzkittel-Sirene Siouxsie Sioux, die einst mit Siouxsie & The Banshees den Gothic-Sound miterfand.

Jeder Endreim eine Pointe

Hochmair trägt als Alleindarsteller nicht nur das Kreuz des Jedermann. Er ist der einsamste Mensch auf Hofmannsthals Erdboden. Die vielgeschmähten Verse spricht er gaumig und weich, jeder Endreim gerät ihm zur Pointe.

Er schlüpft nacheinander in die Sprechkostüme des guten Gesellen, des Nachbars, des Schuldknechts, der Mutter et cetera. Hochmair bildet die Antithese zum katholischen Kleinmut. Mit dem Geldsäckel jongliert er so lange, bis ihm dieser schwer auf den Kopf fällt. Dieser wunderbare Schauspieler, den die Wiener Burg fahrlässigerweise ziehen ließ, stellt sich dem Skandal unserer Zeitlichkeit. Hochmair müht sich, das Gespenst des Todes an den Hörnern zu packen. Das wirkliche Zwiegespräch gilt denn auch einem Gummiskelett, in dessen Stirn eine Livekamera angebracht ist. Das gehetzte Angesicht des reichen Mannes spricht von der Video-Wall herunter. Der Mensch ist sein eigenes Double.

Hochmair scheint an drei, vier Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Er wäre für das Spiel am Domplatz eine kräftige Besetzung. Seinetwegen ist Bastian Krafts Inszenierung einen Besuch wert. Die hat sonst leider gar nichts mitzuteilen, außer: Gibt es keinen Gott, spielen wir halt Pop. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 8.8.2013)