Der Nächste bitte" - dieser Satz gehört zu jenen Gepflogenheiten, die unseren Alltag am Funktionieren halten. Und wenn der Nächste kein Österreicher, keine Österreicherin ist, bleiben sie trotzdem die Nächsten, die drankommen. Wäre das nicht so, müssten wir mit Pass oder Personalausweis zur Bank oder zur Post gehen.

Die FPÖ-Spitze wollte heraus aus ihrem Negativ-Image gegenüber Ausländern. Und vergriff sich - wie der Parteichef vor einigen Jahren mit der Kreuz-Demonstration.

Niemandem wird verboten, religiöse Grundsätze zu zitieren oder mit ihnen zu argumentieren. Auch den Freiheitlichen nicht. Im nationalen Lager hat es immer starke katholische Kräfte gegeben. Und in der katholischen Kirche lange einen nationalen Flügel, der prozentuell bei den österreichischen Protestanten sogar größer war. Dort mischte sich Deutschnationalismus mit Antiklerikalismus. Strache exhumiert sowohl Sympathien als auch Ressentiments, indem er einen eindeutigen Begriff in den Wahlkampf einführt, um ihn fremdenfeindlich zu interpretieren.

Man könnte historisch endlos über die Bedeutung und die "Reichweite" der Nächstenliebe streiten. Und man könnte sogar die Feindesliebe als extreme Interpretation des Satzes "Liebe deinen Nächsten" in die Debatte werfen - das würde Diskutanten ebenso überfordern wie die meisten Menschen überhaupt.

So weit sollte man selbst die FPÖ nicht treiben. Aber wenn sie dieses Prinzip des menschlichen Zusammenhalts so massiv plakatiert, dann muss sie sich mindestens auf die Enzyklika Deus caritas est des Papstes Benedikt XVI. aus dem Jahre 2005 festlegen lassen, wo es heißt: "Nächstenliebe besteht ja darin, dass ich auch einen Mitmenschen, den ich zunächst gar nicht mag oder nicht einmal kenne, von Gott her liebe."

Das betrifft also den (anonymen) Türken genauso wie eine Roma-Frau oder einen Nigerianer, der bei vielen von vornherein unter Dealer-Verdacht steht - ob's stimmt oder nicht.

Heinz Christian Strache wird mit seinem Vorrang für Österreicher beim Nächstenliebe-Gebot sogar in der eigenen Klientel Probleme haben. Denn in der Ich-Gesellschaft und mitten in den Verteilungskämpfen, die von der Finanz- und Wirtschaftskrise noch verschärft wurden, werden viele selbst die plakatierte partielle Solidarität nicht verstehen. Wenn es um einen Posten geht, dann ist sich (nicht erst seit heute) jeder und jede selbst der Nächste.

Am Wahlergebnis wird der FPÖ-Obmann ablesen können, wie die Wähler die rhetorische Neuorientierung gesehen haben.Der Herbst ist ja, sieht man vom Erntedankfest ab (das nach der Nationalratswahl zu liegen kommt) und von der Wende zum Winter rund um Allerheiligen, keine Jahreszeit der vielen Feste. So wie es derzeit ausschaut und nach den Wahlen der letzten Monate zu vermuten ist, bläst der Wind Strache ins Gesicht.

Zum Glück für ihn ist in der FPÖ die interne Nächstenliebe etwas größer als bei Frank Stronach oder dem geschüttelten BZÖ. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 19.8.2013)