St. Margarethen/Sopron - Am 19. August 1989 begann an der Staatsgrenze bei St. Margarethen im Burgenland die Massenflucht von DDR-Bürgern aus Ungarn nach Österreich. Zwei Zeitzeugen, Oberstleutnant i. R. Arpad Bella, damals bei der ungarischen Grenzwache und Gendarmerie-Oberst i. R. Stefan Biricz, sind zum 24. Jahrestag noch einmal an den Schauplatz der historischen Ereignisse zurückgekehrt.

Beide pensionierten Offiziere besuchten am Montag auf Einladung von Landespolizeichef Hans Peter Doskozil die Landespolizeidirektion Burgenland in Eisenstadt. Anschließend begaben sie sich zum "Tor der Freiheit", das symbolisch zum Gedenken unweit jener Stelle zwischen St. Margarethen und Sopron-Köhida errichtet worden war, wo am 19. August 1989 Hunderte DDR-Bürger durch eine Lücke in der Grenzbefestigung in die Freiheit strömten.

Die Grenzkontrolle wurde damals von der österreichischen Zollwache und von der ungarischen Grenzwache durchgeführt, schilderte Biricz. Die Gendarmerie hatte vorerst keinen diesbezüglichen Auftrag: "Wir haben geschaut, dass die Parkplätze vor der Grenze frei gehalten werden."

Massenflucht rund um das "Paneuropäische Picknick"

Zur Massenflucht kam es rund um das von der Paneuropabewegung veranstaltete "Paneuropäische Picknick": Um 15.00 Uhr hätte das Grenztor geöffnet werden sollen, um Teilnehmer durchzulassen. Plötzlich seien ungefähr rund 150 Leute durch das Tor gestürmt und seien nach Österreich gelaufen. "Ich dachte zuerst, das sind Ungarn auf Gegenbesuch", erinnert sich Biricz. Schließlich habe man erkannt, dass es sich um Ostdeutsche handelte.

"Ich bin ihnen nachgelaufen, habe sie angehalten und gesagt: Sie brauchen nicht mehr weiterlaufen, sie sind bereits auf österreichischem Gebiet", erzählt Biricz. Man habe den Flüchtlingen gesagt, dass sie nun noch vier bis fünf Kilometer nach St. Margarethen marschieren müssten: "Die Leute waren sehr erfreut, sie haben geschrien: Was sind vier, fünf Kilometer, wir kommen von Ostdeutschland." Er habe dann die Fahrt in neun Bussen von St. Margarethen zur Deutschen Botschaft nach Wien organisiert.

"Eine schwierige Situation"

"Es war eine schwierige Situation", schilderte Bella, der die ungarischen Grenzwachsoldaten im Abschnitt kommandierte: Seine Aufgabe sei es eigentlich gewesen, eine ungarische und später auch eine österreichische Delegation die Grenze passieren zu lassen. "Statt der Delegation erschienen hier mindestens 150 Menschen", so Bella. Die Grenzwache habe damals keine Genehmigung gehabt, die DDR-Bürger passieren zu lassen. Eigentlich hätte man sie laut dem Auftrag aufhalten müssen, damit ein Verfahren gegen sie eingeleitet werden kann, erzählte der ehemalige Kommandant.

Die Spannung sei groß gewesen: Hätte man probiert, die Menge aufzuhalten, hätte es auch zu einem Blutvergießen kommen können. "Wir waren nur zu sechst" und die Gruppe habe aus mindestens hundertfünfzig Personen bestanden, schilderte Bella. Die DDR-Bürger seien ungestüm nach Österreich gedrängt. Er habe dann den Befehl ausgegeben, sie unbehelligt passieren zu lassen.

Damals leitete einer seiner Vorgesetzten deshalb eine Untersuchung gegen ihn ein. Mittlerweile ist Bella hochdekoriert und wurde unter anderem mit dem Verdienstorden der Republik Ungarn ausgezeichnet. (APA, 19.8.2013)