Salzburg - "Laut Bibel wird Tobit blind, weil ihm ein Sperling auf die Augen scheißt. Das ist natürlich nur ein Bild. Er wird blind, weil er nicht bereit ist zu sehen." So Nikolaus Harnoncourt über die tiefenpsychologischen Situationen in Joseph Haydns erstem Oratorium Il ritorno di Tobia.

Bei der Aufführung des vergessenen Meisterwerks des "jungen" Haydn aus dem Jahr 1775 gingen nicht nur Tobit die Augen auf. Denn Harnoncourt leitete das Orchestra La Scintilla mit kompromissloser Transparenz. Wie mit dem Silberstift auf Porzellan gezeichnet wirkte das hochemotionale, sängerisch hochanspruchsvolle Psychogramm einer jüdischen Familie in der Diaspora. Eine intime Geschichte, für deren subtile Wiedergabe die riesige Felsenreitschule jedoch nicht der optimale Rahmen war.

Der erblindete Tobit wartet mit seiner resoluten Gattin Anna auf die Rückkehr des Sohnes, der für ihn in Persien Geld eines Schuldners eintreiben soll. Tobia kehrt erfolgreich und obendrein mit einem Heilmittel gegen Blindheit und einer Ehefrau (Sara) zurück. So simpel der Plot, so komplex die Persönlichkeiten: schillernd ihre musikalischen Porträts bis in die Harmonien und die Instrumentierung hinein. Warum Tobit überhaupt erblindet ist, erklärt auch Haydns Librettist Giovanni Gastone Boccherini nicht. Er konzentriert sich ganz auf die Stunden vor des Vaters Heilung.

Eine zankende Ehefrau eröffnet das Oratorium: Altistin Ann Hallenberg sang die sticheligen Koloraturen mit boshafter Lust. Tobits erste große Arie ist bewegender Gesang unerschütterlicher Hoffnung. Bassist Ruben Drole gestaltet die Rolle mit profunder Tiefe, warmem Timbre und großer Darstellungskraft. Überirdische Momente beschert Sopranistin Valentina Farcas als Sara. Die Titelrolle des Tobia gestaltete Mauro Peter mit seinem strahlenden, auch in der Höhe weichen Tenor. Den handverlesenen Solisten legen Nikolaus Harnoncourt und das Orchester einen facettenreichen musikalischen Klanggrund. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD, 22.8.2013)