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Die indische Wirtschaft orientiert sich zusehends an den Tempolimits für Verkehrsteilnehmer. Dafür nimmt die Geschwindigkeit des Währungs- verfalls rasant zu, weil ausländische Investoren ihr Kapital abziehen. Der Sturz der Rupie verteuert die Importe.

Foto: ap/Manish Swarup

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Grafik: APA

Neu-Delhi - In Indien macht sich Panik breit. Seit Tagen befindet sich die indische Rupie im freien Fall. Am Mittwoch und in der Folge auch am Donnerstag sank sie auf ein neues Allzeittief. Ein Dollar kostete am Donnerstag zeitweise 65,56 Rupien. Seit Mai verlor Indiens Währung damit über 15 Prozent. In den Medien werden bereits Parallelen zur großen Krise von 1991 gezogen, als das Land seine Goldbestände verpfänden musste, um Importe zu finanzieren.

"Wird Indien zum kranken Mann Asiens?", fragen TV-Sender entsetzt. Der Auslöser für die Krise liegt zunächst in Amerika. Weil die Zinsen in den USA lange historisch niedrig waren, hatten viele Anleger ihr Geld in Schwellenländern angelegt. Die Andeutung der Notenbank Fed, die lockere Geldpolitik auslaufen zu lassen, lässt das Kapital zusehends in die USA zurückfließen. Allein aus Indien wurden seit Mai fast zwölf Milliarden Dollar abgezogen.

Doch der Absturz der Rupie ist auch ein Symbol für den Fall Indiens. Dahinter steht eine tiefer gehende Schwäche, die die Aufstiegsträume platzen lassen könnte. Lange wurde der asiatische Gigant als zweites China bejubelt. Auch Indien selbst strotzte nur so vor Selbstbewusstsein und ließ sich hofieren. Doch inzwischen sind viele Investoren enttäuscht und klagen über mangelnden Reformeifer. Ausländische Firmen, die lange Schlange standen, um im Gandhi-Land zu investieren, kehren Indien den Rücken. Die ausländischen Direktinvestitionen brachen im vergangenen Jahr um fast 40 Prozent ein. Trend: weiter sinkend. Dies sei "ein Misstrauensvotum" für den Standort Indien, warnt der Oppositionspolitiker Arun Shourie.

Die Angst geht um, dass die Ratingagenturen Indien gar auf Ramschstatus zurückstufen könnten. Berauscht vom Erfolg hat die Politik Reformen verschlafen. Seit die von der Kongresspartei geführte Koalition unter Premier Manmohan Singh 2004 die Regierung übernahm, hat sich kaum etwas bewegt. Nun sind die Boomjahre vorbei und der Kapitalexodus trifft Indien in einer Schwächephase. Glänzte das Land über Jahre mit Zuwachsraten von acht bis zehn Prozent, hat sich das Wachstum nun auf weniger als fünf Prozent halbiert. Das reicht bei weitem nicht, um wirtschaftlich aufzuschließen.

Der Absturz der Rupie droht das Wachstum nun vollends auszubremsen. Panisch versucht Indien, den Geldabfluss zu stoppen. In ihrer Not beschränkte die Regierung den Devisenhandel. Einzelpersonen und Firmen dürfen nur noch begrenzt im Ausland investieren. Die Importzölle für Gold und Silber wurden erhöht.

Fülle an Problemen

Und nun fallen sogar Zölle auf Flachbildschirme an, die sich Inder aus Dubai oder Bangkok mitbringen. Doch bisher blieb alles erfolglos. "Die Möglichkeiten der Regierung sind begrenzt", meint der Analyst Ruchir Sharma von Morgan Stanley. "Der Zug hat den Bahnhof verlassen." Auch die Deutsche Bank sieht die Rupie weiter im Sturzflug. In einem Monat könne der Kurs sogar bei 70 gegenüber dem Dollar liegen.

Dabei kam die Krise nicht über Nacht, sondern hat sich lange angedeutet. Zu offensichtlich sind die riesigen Probleme: Die Infrastruktur ist marode, die Bürokratie erschlagend, die Korruption außer Kontrolle. Fast alle Kennzahlen zeigen nach unten: Die Industrie stagniert, die Börsenkurse krachen, die Arbeitslosigkeit steigt, die Preise explodieren.

In den Boomjahren haben sich viele Firmen zudem tief verschuldet. "25 Prozent aller Unternehmen verdienen nicht einmal genug, um ihre Kreditzinsen zu bezahlen", warnt Sharma. Auch die Regierung hat alle Alarmsignale ignoriert und aus dem Vollen geschöpft. Das Haushaltsdefizit schoss auf fünf Prozent hoch.

Der Rupienfall könnte die Abwärtsspirale nun weiter beschleunigen. Indien ist keine Exportnation, die von einer schwachen Währung profitiert. Im Gegenteil muss das Land Öl, Kohle und Erz importieren, die nun durch die schwache Rupie teurer werden. Bereits jetzt liegt das Leistungsbilanzdefizit bei alarmierenden 4,8 Prozent. Regierungschef Singh versucht, die Märkte zu beruhigen. Anders als 1991 habe Indien heute genug Devisenreserven, um die Importe zu sichern.

Doch der Regierung läuft die Zeit davon. Im Frühjahr 2014 wird gewählt. Bereits jetzt treibt die hohe Inflation von fast zehn Prozent die Menschen auf die Barrikaden. Auch die Wirtschaft tobt. "Wir zahlen für die Tatenlosigkeit der vergangenen Jahre", wettert Rahul Bajaj, Chef des Autokonzerns Bajaj (Christine Möllhoff, DER STANDARD, 22.8.2013)