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Friedrich Nietzsche: den Zarathustra am Surlei-Felsen in SilsMaria "gezeugt".

Foto: Grubitzsch/apa

Wien - Die praktische Vernunft verlangt vom Einzelnen die Fähigkeit zur Übersicht. "Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt", urteilte der passionierte Wanderer Johann Gottfried Seume nach seinem berühmten Spaziergang nach Syrakus 1802. Philosophen und Dichter, als Weltzuschauer und Flaneure scheinbar dazu berufen, aus der Perspektive des Erhabenen das Geschehen auf diesem Planeten zu beobachten, haben sich immer schon als geistige Bergsteiger versucht, deren Welt klar in oben und unten geteilt ist. Der philosophische Bergsteiger widmet seinen Einsatz der Erhebung der Seele wie des Geistes. Was er dabei gewinnt, kann man als Übersicht oder Zusammenschau bezeichnen. "Es gibt Grundfiguren", so Paul Nizon in seiner Poetikvorlesung Am Schreiben gehen, "die quer durch die Literatur gehen, das heißt, quer durch die Zeiten eine thematische Auferstehung erfahren, es ist fast wie eine Stafettenübergabe."

Der literarische oder philosophische Wanderer ist eine Grundfigur, die den Gipfelblick sucht. Damit knüpft sie an Homer an, in dessen Ilias die Gipfelwelt unwidersprochen als Sitz der Götter akzeptiert wird. Das Wagnis der Gipfel- oder Himmelsstürmerei gilt in der Philosophiegeschichte als ein "Überschreiten" des Gegebenen - und als Aufstieg. Das unterscheidet den denkenden Wanderer vom Spaziergänger. Dennoch kann dem Spaziergang nachgesagt werden, dass auch er das Denken beflügelt. Auf jeden Fall bleibt auch der "Blick vom Gipfel" spürbar.

Augustinus warnte davor, die Erhabenheit der Naturkulisse als das Wesentliche zu nehmen. Petrarca berichtet in seiner Schilderung über die Ersteigung des Mont-Ventoux, er habe, getrieben durch die Begierde, die Höhe dieses Fleckens Erde durch Augenschein kennenzulernen, dagestanden, "durch einen ungewohnten Hauch der Luft und durch einen ganz freien Rundblick bewegt, einem Betäubten gleich".

Das berühmteste Beispiel für diese Stimmung der Emphase in luftiger Höhe hat wohl Nietzsche geliefert. Der "Einsiedler von Sils-Maria" war ein ausdauernder Spaziergänger, der die grandiose Hochgebirgslandschaft des Oberengadins 1881 bis 1888 erlebte. Sein Zarathustra begegnet uns wie ein Buch des Gebirges, des Waldes: "In den Städten ist schlecht zu leben."

Nietzsche hatte das Hochgebirge bereits 1879 in St. Moritz entdeckt. "Graubünden ist mir wirklich sehr lieb und St. Moritz der einzige Ort der Erde (soweit mir bekannt), der mir entschieden wohlthut, bei gutem und schlechtem Wetter." Zehn Jahre später ist Sils-Maria für ihn der "lieblichste Winkel der Erde". Bei einer seiner Wanderungen um den See von Silvaplana erfuhr er jenes Inspirationserlebnis, das er später im Zarathustra-Kapitel von Ecce homo als europäisches Ereignis beschreibt, "eine Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einem Thränenstrom auslöst ..." Der 6. 8. 1881 markiert das Datum vom Gedanken der ewigen Wiederkehr des Gleichen. In Sils dachte Nietzsche kosmisch. "An meinem Horizonte sind Gedanken aufgestiegen, dergleiche ich noch nicht gesehen habe."

Zarathustra war am Surlei-Felsen in der Sommermittagswende von Sils-Maria gezeugt worden. Schon im Sommer 1882, im letzten Abschnitt des letzten Buches der Fröhlichen Wissenschaft, heißt es: "Als Zarathustra dreißig Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See Urmi und ging in das Gebirge." Das Pathos der Höhe entspricht dem Sendungsbewusstsein des philosophischen Bergsteigers. Es hat nichts gemein mit dem romantischen Gipfelblick eines Caspar David Friedrich.

"Waldhaus"-Wagnisse

Viele haben vor und nach Nietzsche in diesem Hochgebirge herumprobiert, bis sie glaubten, in der Übersicht des Gipfelblicks die Wahrheit gefunden zu haben, "die ganze Thatsache Mensch aus ungeheurer Ferne" (Nietzsche). Die Liste der Namen ist lang. Viele waren wie Nietzsche Gast in Sils-Maria: Marcel Proust und Hermann Hesse, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Karl Kraus und Theodor W. Adorno, dem es das Grand Hotel "Waldhaus" angetan hatte. Jeden Sommer zwischen 1955 und 1966 verbrachte Adorno mit seiner Frau im "Waldhaus".

"Wir müssen gehen, um denken zu können, schreibt Thomas Bernhard in Gehen. "Wenn wir gehen, (...) kommt mit der Körperbewegung die Geistesbewegung. (...) Wir gehen mit unseren Beinen, sagen wir, und denken mit unserem Kopf." Die klassische Spaziergänger-Literatur muss sich immer wieder entscheiden zwischen vermeintlichem Müßiggang und zielgerichtetem Wandern. (Wolf Scheller, DER STANDARD, 27.8.2013)