Bild nicht mehr verfügbar.

Malvarrosa Beach in Valencia: Die Strände sind gefüllt, der Tourismus boomt. Die in diesem Sektor Arbeitenden merken davon jedoch wenig. Sie klagen über Ausbeutung.

Foto: apa/epa/Biel Alino

Granada - Die Regierung von Premier Mariano Rajoy wähnt sich nach den jüngsten, positiven Arbeitsmarktdaten dem Ende der Krise nahe. Zeitgleich steigen Klagen der Saisonniers sowie der Gewerkschaft über die grassierende Ausbeutung im boomenden Touristiksektor.

Wie der Standard berichtete, urlaubten allein im Juli mit 7,9 Millionen mehr ausländische Gäste denn je in Spanien. Mehr als 64.800 Menschen fanden laut dem Arbeitsministerium im selben Monat wieder eine Anstellung. Dabei sei es "die Rekordsaison der Prekarität und die der arbeitsrechtlichen Verstöße", echauffiert sich etwa Francisco Alejo von der kommunistischen Gewerkschaft CCOO in der südwestspanischen Extremadura.

Reformen im Arbeitsrecht, die "höherer Flexibilität" dienen sollten, öffneten dem Gewerbe zig Schlupflöcher. Befristete Dreimonatsverträge, Praktika ähnelnde Ausbildungsverträge und "Mini-Jobs", die de facto keine sind, seien Usus. Kollektivverträge würden konsequent umgangen. Hinzu kämen "falsche Selbstständige" - im Sektor eine weitverbreitete Praxis. Sie leisten dieselbe Arbeit und müssen für die Sozialversicherungsbeiträge - rund 305 Euro monatlich - selbst aufkommen.

Auch das Phänomen des "fiktiven Halbtagsjobs", bei dem vier Stunden der Sozialversicherung gemeldet werden, während das Dreifache geleistet wird, ist dem Arbeitsinspektorat wohlbekannt. Doch nur ein Bruchteil der Verstöße käme ans Licht. Aus Angst, einen der raren Jobs zu verlieren, wage nur eine Minderheit den Schritt der Anzeige, geschweige denn zur Beschwerde beim Chef.

Pilar M. (34) musste etwa zwölf Tage en suite zwölf Stunden in einem kleinen Hotel im südspanischen Granada arbeiten, wenngleich ihr Vertrag acht Stunden vorsah und Ruhezeiten. Sie beschwerte sich und wurde prompt entlassen, da das Hotel trotz 90-prozentiger Auslastung Verluste schrieb. Daniel R. (37) zieht es daher vor zu schweigen. Der Koch in einem kleinen Hotel in Pontedeume (La Coruña) werkt 110 Stunden wöchentlich für 1600 Euro. Ein verhältnismäßig hohes Salär, wären seine Arbeitstage keine doppelten. Sieben Monatslöhne ist sein Chef ihm schuldig.

María P. (42) fand nach einem halben Jahr der Arbeitslosigkeit in einer Kleinstadt unweit von Pontevedra (Galicien) einen Kellnerinnen-Job in einem Kaffeehaus für 500 Euro monatlich. Ihr Chef betonte bei der Einstellung, sie müsse mitunter ein wenig länger bleiben. Anstelle der vertraglich vereinbarten 20-Stunden-Woche summierten sich mehr als 60 Stunden. "Das ist beinharte Ausbeutung", klagt die geschiedene Mutter zweier Kinder in der Zeitung El País. Ohne Unterstützung ihrer Eltern könne sie auch mit Job nicht überleben. Vor Wochen reichte sie Anzeige beim Arbeitsinspektorat ein, ohne Erfolg.

Misere auf Mallorca

Besonders im Balearen-Archipel blühen Teilzeitverträge: 87 Prozent der im Tourismus Beschäftigten fallen darunter. In Calvià (Mallorca) gibt es ein Viersternehotel, das 33 Praktikanten für diesen Sommer angeworben hat - mehr als ein Drittel der Belegschaft. Die CCOO, die 50 weitere vergleichbare Fälle auf der Ferieninsel untersucht, ortet den Trend, qualifizierte Festangestellte durch billigere zu ersetzen - unter dem Deckmantel der Ausbildung. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, 27.8.2013)