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Der neue WTO-Chef kommt aus Brasilien.

Foto: Reuters/Marcelino

Genf - Die Führung der Welthandelsorganisation (WTO) bekommt mit 1. September 2013 ein neues Gesicht: Der Brasilianer Roberto Azevêdo (55) löst Pascal Lamy im Amt des Generaldirektors der Organisation ab. Seit 2008 vertritt Azevêdo Brasilien vor mehreren internationalen Organisationen, unter anderem der WTO.

Zuvor war der studierte Elektrotechniker und Politikwissenschaftler in verschiedenen Ämtern im Staatsdienst seines Landes tätig. 2003 war er einer der führenden Unterhändler auf dem WTO-Ministertreffen in Cancún; dort vertrat er eine Allianz von Schwellen- und Entwicklungsländern, die sich für eine Öffnung der Agrarmärkte in den Industrieländern stark gemacht hat. Die Forderungen waren so weitreichend, dass die Verhandlungen scheiterten – ein Rückschlag, den die WTO bis heute nicht überwunden hat.

Hervorragender Diplomat

Dennoch genießt der Brasilianer in WTO-Kreisen den Ruf eines hervorragenden Diplomaten, auch Verhandlungsgegner loben seine freundliche und verbindliche Art. Azevêdo steht vor großen Herausforderungen. Obwohl eine befürchtete Rückkehr zum Protektionismus im großen Stil im Zuge der Weltwirtschaftskrise ausgeblieben ist, haben die Ereignisse der letzten Jahre den multilateralen Freihandel nicht gefördert. Davon unabhängig  setzten im letzten Jahrzehnt, im Rahmen der Doha-Runde, viele Länder stärker auf bilaterale denn auf multilaterale Handelsabkommen. Obwohl Experten darin weniger ein Versagen der WTO sehen, als eben einen politischen Willen der Mitgliedsländer, will Azevêdo frischen Wind in den multilateralen Ansatz bringen.

"Klein-Doha"

Von Pascal Lamy erhält der neue Mann an der WTO-Spitze zudem ein wichtiges Dossier, sozusagen ein "Klein-Doha". Dieses adressiert die nichttarifären Handelsbeschränkungen, etwa diverse bürokratische Vorschriften in aller Welt, die die WTO abbauen will. Unbestritten ist die Rolle der WTO nach wie vor als respektierter Streitschlichter und Schiedsrichter bei Handelsdisputen. Diesen Status will die Organisation nicht verlieren. Je mehr die Länder auf bilaterale Verträge setzen, desto größer werde die Macht einzelner Ländergruppen und Handelsblöcke. Daher sei es wichtig, dass eine internationale respektierte Organisation Rahmenbedingungen vorgebe und als Schiedsrichter fungiere.

Eine Organisation unter Kritik

Die WTO ging 1994 aus dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) hervor, das 1947 von 23 Gründungsmitgliedern beschlossen und seither ständig erweitert und vertieft wurde. Die WTO hat heute 159 Mitgliedsländer. An der internationalen Organisation gibt es auch viel Kritik, die grundsätzlicher ist, als dass es ihr in den letzten Jahren nicht gelungen sei, den multilateralen Freihandel  tiefer zu verankern. Der Abbau von Handelsschranken, dem sich die WTO in stark und einseitig ideologisch gefärbter Weise verschrieben habe, nähme schwächeren Volkswirtschaften die Möglichkeit, ihre Märkte vernünftig zu schützen und zu entwickeln. Darüber hinaus stufe die Organisation auch nationale Umwelt- und Sozialstandards als Handelshemmnisse ein. Außerdem gilt sie als wenig transparent: Verhandlungen finden nach wie vor hinter verschlossenen Türen statt, Sitzungsprotokolle werden nicht allgemein veröffentlicht. Inwieweit Roberto Azevêdo sich auch mit diesen brennenden Fragen beschäftigen wird, wird sich weisen. (Philip Hautmann, derStandard.at, 30.8.2013)