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Schwere Wolken über den Schwellenländern: Der Währungsverfall ist kaum aufzuhalten.

Foto: Reuters/Blevins

Seit Wochen erleben eine Reihe von Schwellenländern einen dramatischen Verfall ihrer Währungen. So haben die Währungen Indonesiens, Brasiliens, Indiens, Südafrikas und der Türkei innerhalb nur weniger Wochen bis zu 20 Prozent an Wert gegenüber Euro und Dollar verloren. Brasilien erhöhte am Mittwoch seine Leitzinsen, am Donnerstag folgte Indonesien. Indien will gar seinen Bürgern Gold abkaufen, um die kostspieligen Goldimporte zu reduzieren. Wenngleich im Fall von Brasilien und Indonesien ein weiterer Währungsverfall bisher aufgehalten werden konnte, gibt die Lage Anlass zu großer Besorgnis.

Carry Trades drohen sich umzukehren

Die Währungen der genannten Länder werden von zwei Seiten in die Zange genommen: Da ist zunächst die Ankündigung von Ben Bernanke, dem Chef der US-Notenbank (Fed), die Niedrigzinspolitik auslaufen zu lassen. Aufgrund der niedrigen Zinsen in den USA haben Investoren in den letzten Jahren weltweit Dollarkredite aufgenommen, die sie zu höheren Zinsen über die Währungen der genannten Schwellenländer investiert haben. Diese als Carry Trades bezeichneten Geldgeschäfte drohen bei einer Erhöhung des Dollarzinssatzes zu platzen und Verluste unbestimmten Ausmaßes zu verursachen. Daher flüchten Anleger im großen Stil aus den Währungen der Emerging Markets.

Wirtschaftliche Entwicklung unter den Erwartungen

Zum anderen bleibt die wirtschaftliche Performance der Schwellenländer hinter den Erwartungen zurück. Indien kommt mit seinen Wirtschaftsreformen nicht recht voran, in Brasilen und der Türkei entladen sich gesellschaftliche Spannungen in teils gewalttätigen Protesten. Indonesien kämpft mit einer drastisch gestiegenen Verschuldung, in Südafrika treffen ein niedriges Wachstum und eine hohe Inflation aufeinander. Gemeinsam ist allen Ländern ein hohes Leistungsbilanzdefizit, sprich, die Länder geben mehr aus, als sie einnehmen, und sind daher von ausländischem Kapital abhängig.

Eine Neuauflage der Krise von 1997?

Wie ernst ist die Lage? Einige Stimmen malen ein düsteres Bild. So sieht der Ökonom Heiner Flassbeck in einem Interview mit der deutschen "Taz" Parallelen zur großen Asienkrise 1997/98, die damals auch viele Länder außerhalb Asiens erfasste. Nachdem sich dort einige Währungen wie der thailändische Baht als überbewertet erwiesen hatten, kam es – nicht allein in einer Panikreaktion, sondern auch im Zuge einer massiven Spekulationsorgie – zu extremen Kapitalabflüssen aus der gesamten Region und auch aus Ländern wie Russland und Brasilien.

Andere Fachleute wie David Mann von der Standard Charter Bank wiederum kalmieren. So seien die Leistungsbilanzdefizite bei weitem nicht so hoch wie damals, zudem verfügten die betroffenen Länder über hohe Devisenreserven.

Diese Devisenreserven schmelzen jedoch im Kampf gegen den Währungsverfall dahin. Zudem bedroht eine Erhöhung der Zinssätze als Gegenmaßnahme das Wirtschaftswachstum. Entlastend jedoch dürfte die wahrscheinliche Taktik der Fed wirken, die Zinsen nur in kleinen Schritten anzuheben. Insgesamt bleibt das Problem, dass das weltweite Wirtschaftswachstum zu niedrig ist, um krisenhaften Entwicklungen vorzubeugen. Und, wie es der US-Finanzminister John Conally Anfang der 1970er Jahre schon gegenüber dem Rest der Welt auf den Punkt brachte: "Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem." (Philip Hautmann, derStandard.at, 30.8.2013)