In der Zeitschrift Falter gibt es eine Rubrik "Gut - Böse - Jenseits". Darin listet die Falter-Redaktion auf, wer sich ihrer Meinung nach gut, böse oder jenseitig verhalten hat, zuletzt etwa deutsche Filmstudenten ("gut"), die taz-Chefredakteurin ("böse") oder das US-Militär ("jenseits").

Die "Gut - Böse - Jenseits"-Rubrik ist nett, aber irreführend. Sie suggeriert, dass Menschen zwangsläufig entweder "gut" oder "böse" oder " jenseits" seien. Menschen können aber zugleich gut und böse und jenseits sein. Dazu eine kleine Geschichte.

Vor kurzem fuhr ich mit dem Bus von Wien nach Kaltenleutgeben. Just, als ich dabei war, dem Buschauffeur den Fahrtpreis zu entrichten, rief mich ein netter Verwandter an und verwickelte mich in ein Gespräch.

Ich redete lange und ausgiebig mit ihm, und weil man mit dem Handy in der Hand unmöglich die Börse in die Hosentasche stecken kann, legte ich sie neben mich auf den Sitz, wo ich sie beim Aussteigen prompt vergaß. Ein paar Stunden später rief ich bei der Busgesellschaft an. Ob man eine Börse gefunden habe? Antwort negativ: Nö, nix, nada.

Es ist nicht ratsam, die Geldbörse zu verlieren. Man muss die Bankomatkarte sperren lassen. Man muss eine neue Bankomatkarte bestellen. Man muss die Kreditkarten sperren lassen. Man muss neue Kreditkarten bestellen. Man muss neue E-Cards, ÖBB-Vorteilscards, Merkur-Cards, Wiener-Linien-Jahrescards bestellen. Man muss eine neue Geldbörse kaufen, kurz, man hat Scherereien ohne Ende.

Ich ließ meine Bankomatkarte sperren und bestellte eine neue Bankomatkarte. Ich sperrte meine Kreditkarten und bestellte neue Kreditkarten. Kurz bevor ich eine neue Geldbörse kaufen wollte, bekam ich per Post ein wattiertes Kuvert zusandt. Was darin war? Meine alte Börse. Und zwar nur meine alte Börse, ohne jedes Begleitschreiben.

Was das Geld betraf (ca. 110 Euro), so hatte sie der Finder kaltblütig ratzeputz leergeräumt (böse). Alle Bankomat- und sonstigen Karten hatte er in der Börse gelassen (gut). Aber damit nicht genug: Er hatte sich auch noch die Mühe gemacht, meine Adresse zu recherchieren, ein wattiertes Kuvert zu kaufen, die Geldbörse hineinzustecken und mir zuzuschicken (jenseits). Was soll ich ihm dazu nur sagen, sofern er diese Kolumne zufällig liest? Am besten wohl: Vielen herzlichen Dank fürs Zuschicken, du Langfinger, du lausiger.     (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 31.8./1.9.2013)