Wien - Man weiß, der Jazz hat sich in vielen Aspekten der klassischen Musik angenähert. Und doch löst die Ankündigung, Werke aus der Geschichte improvisierter Musik zu interpretieren, noch heute bei manchem Fan Skepsis aus: zum einen durch den partiell immer noch relevanten ästhetischen Imperativ, improvisierte Musik solle stets das Hier und Heute reflektieren, anstatt sich in Nostalgie zu ergehen. Dazu kommt die Erfahrung, dass "Aufgewärmtes" selten besser schmeckt als frisch Gekochtes, das - auf Schallplatten festgehalten - immer auch die Aura der Erstmaligkeit in sich trägt.

Dass die Aufführung von Michael Mantlers Kompositionen für das New Yorker Jazz Composer's Orchestra, großteils aus den Jahren 1964 bis 1968 stammend, dennoch einhellig mit Vorfreude erwartet wurde, hat mit verschiedenen Faktoren zu tun: Zu unerschlossen, zu wenig einordenbar sind bis heute die rauen, faszinierenden Klangballungen, die da auf Tonträger nachhörbar sind. Mantler hatte die ursprünglich teilweise grafisch notierten Partituren zudem gründlich überarbeitet: In der hochpräzisen, konzentrierten Wucht, in der die Musik im Porgy & Bess auf das Auditorium einströmte, hatte diese tatsächlich nur mehr entfernt mit jener des Originals zu tun.

Raffiniert ineinander verschliffene Klangfelder wechselten mit kraftvollen, repetitiven Akzentketten und dissonanten Akkordballungen. Unter dem Dirigat von Christoph Cech musizierte eine erweiterte Besetzung der Bigband Nouvelle Cuisine Musik von disziplinierter, hochenergetischer Hermetik, die zugleich weite Spannungsbögen beschrieb.

Die Solisten hatten mitunter hart zu arbeiten, um nicht an die Wand gespielt zu werden: Harry Sokal setzte in Update Eight heisere Tenorsaxofonschreie in wirkungsvollen Kontrast zu den Tutti-Passagen, Wolfgang Puschnig hielt in Update Ten mit leidenschaftlichen modalen Psalmodien dagegen. Zweimal trat auch Michael Mantler selbst an, Orchesterklänge mit dem dunklen, brüchigen Sound seiner Trompete zu übermalen. Trotz der Geschichtlichkeit des Materials hatte man das Gefühl, Teil einer denkwürdigen Premiere zu sein. (felb, DER STANDARD, 3.9.2013)