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Von der einstigen Megafauna Nordamerikas sind nur Skelette in Museen geblieben: Ob (von links nach rechts) Kurznasenbär, Mastodon oder Mammut - sie alle verschwanden binnen kurzer Zeit. Ein letzes abruptes Aufflackern der Eiszeit könnte ihnen ebenso schwer zugesetzt haben wie neueingewanderte menschliche Großwildjäger.

Foto: AP Photo/M. Spencer Green

Berlin - Das Eiszeitalter im engeren Sinne, in dem sich die Erde seit etwa 2,7 Millionen Jahren befindet, besteht aus einem langwelligen Wechsel von Warm- und Kaltzeiten. Die bislang letzte Kaltzeit begann vor etwa 115.000 Jahren und hielt vor allem die Nordhalbkugel über 100.000 Jahre lang im Griff. Danach kehrte das Klima in eine weitere Warmzeit zurück - die, in der sich die menschliche Zivilisation entwickeln konnte.

Dieser Übergang war aber kein kontinuierlicher Prozess. Im Verlauf der Erwärmung gab es mehrere Rückschläge, der jüngste davon vor rund 13.000 Jahren. Diese Jüngere Dryas genannte Periode sorgte für einen letzten großen Kälteeinbruch, der innerhalb weniger Jahre einsetzte und dann mehr als ein weiteres Jahrtausend lang anhielt. Im Englischen wird sie auch schlicht als "Big Freeze" bezeichnet.

Hypothesen zur Ursache dieses Rückfalls gibt es verschiedene. Im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten US-Forscher nun von Indizien, die die Vermutung eines nicht-irdischen Einflusses stützen: Ein Komet oder größerer Meteorit habe eingeschlagen und - gleichsam eine Mini-Version des Ereignisses am Ende der Kreidezeit - durch das von ihm in die Atmosphäre geschleuderte Material den Globus abgekühlt.

Gesteinsanalyse

Ihren Befund stützen die Forscher auf geschmolzene Gesteinskügelchen, die in den US-Bundesstaaten New Jersey und Pennsylvania in Schichten gefunden wurden, die vom Beginn der Jüngeren Dryas stammen. Die in diesen Kügelchen festgestellten Minerale bilden sich nur unter großer Hitzeeinwirkung - wie beim Aufprall eines "Geschosses" aus dem All.

Doch damit nicht genug, Isotopen-Analysen deuten zudem darauf hin, dass dieses Material seinen Ursprung im Süden Quebecs hat. Die Forscher leiten daraus die Hypothese ab, dass vor rund 13.000 Jahren irgendwo im Süden der heutigen kanadischen Provinz Quebec ein Komet oder großer Meteorit eingeschlagen hat. Der muss groß genug gewesen sein, um nicht nur den kilometerdicken Eisschild zu durchschlagen, unter dem die Region damals begraben lag. Er muss auch beim Aufprall auf die Gesteinsschicht unter dem Eis eine Explosion ausgelöst haben, die die in der Hitze erzeugten Mineralkügelchen über den halben Kontinent geschleudert hat.

Krater begraben

Studien-Koautor Mukul Sharma vom Dartmouth College in New Hampshire räumt ein, dass bislang kein Krater gefunden wurde, der diese Hypothese stützt. Das sei aber auch nicht weiter verwunderlich: In den massiven Veränderungen, denen die Region beim Rückzug der Gletscher am Ende der Eiszeit unterworfen wurde, wäre er unter Sedimentschichten begraben worden.

Die an der Studie beteiligten Forscher glauben, dass ihre Hypothese plausibler ist als die gängige Annahme vom Einfluss der Meeresströmungen auf die damalige Rückkehr der Kälte. Diese Vermutung basiert darauf, dass das Zerbrechen des gewaltigen nordamerikanischen Eisschildes dem Atlantik so viel Süßwasser zuführte, dass der Kreislauf der atlantischen Meeresströmungen gestört wurde und warmes Tropenwasser nicht mehr nach Norden gelangen konnte.

Ereignis mit Folgen

Was auch immer die Ursache war - die Folgen des abrupten Wechsels zu einem kalten und trockenen Klima waren jedenfalls beträchtlich. Die Jüngere Dryas markiert auch das Ende des Pleistozäns mit seiner charakteristischen eiszeitlichen Tierwelt. Ein großer Teil der Megafauna starb am Ende dieser Epoche oder unmittelbar im Anschluss daran aus - Pflanzenfresser wie Riesenfaultiere, Mastodonten oder die nordamerikanischen Kamelarten ebenso wie die größten Fleischfresser, etwa Säbelzahntiger oder Kurznasenbären.

Noch ist nicht geklärt, ob dieses Massensterben unter großwüchsigen Arten auf Bejagung durch die neueingewanderten Menschen oder die Klimaänderung zurückzuführen ist. Für erstes spricht, dass sich ähnliche Szenarien in anderen Weltregionen zu anderen Zeiten abspielten - immer dann, wenn dort zum ersten Mal Homo sapiens auftauchte. Heute glaubt man mehrheitlich an eine Kombination beider Faktoren. Dass das Klima zumindest entscheidend mitbeteiligt war, erhält durch die aktuellen Funde Auftrieb: Eine durch einen Einschlag hervorgerufene Kälteperiode wäre so plötzlich über die Tierwelt gekommen, dass dies tatsächlich zu einem beträchtlichen Schwund an den empfindlichsten - weil größten - Spezies geführt haben könnte.

Anfänge der Zivilisation

Aber auch der Mensch war von der Katastrophe betroffen. Am Ende der letzten Kaltzeit entstand in Nordamerika die sogenannte Clovis-Kultur, von der zahlreiche Speerspitzen aus Feuerstein erhalten geblieben sind. Es war offenbar eine auf Großwildjagd spezialisierte Gesellschaft - zumindest solange es ausreichend großes Wild gab. Die Forscher vermuten, dass die Folgen von "Big Freeze" die Clovis-Menschen und andere Kulturen dieser Zeit zu einer neuen Lebensweise zwangen: Zunächst zum Sammeln von Wurzeln und Beeren und zur Jagd auf kleinere Beute.

Letztlich könnten die ersten nordamerikanischen Siedler aber auch, angetrieben vom damaligen Klimawandel, zu Vorratswirtschaft und schließlich Landwirtschaft übergegangen sein. Was zunächst eine Katastrophe war, könnte letztlich also zu den Anfängen einer sich unabhängig von der Alten Welt entwickelnden Zivilisationsgeschichte geführt haben. (jdo, derStandard.at, 7. 9. 2013)