Brüssel/Wien - Die EU-Kommission will die Schattenbanken ans Tageslicht zerren. Am Mittwoch hat Binnenmarktkommissar Michel Barnier die Regulierung des billionenschweren Marktes konkretisiert. Mehr als 23.600 Milliarden Euro an Vermögen steckt alleine in Europa in Schattenbanken. Doch was sind Schattenbanken? Die Kommission zählt dazu Geldmarktfonds, Hedge- und Private-Equity-Fonds genauso wie Zweckgesellschaften, die gegründet werden, um bankähnliche Geschäfte zu machen. Besonders konkret sind die neuen Regeln für Geldmarktfonds. Diese sammeln Kapital von Anlegern und Unternehmen ein und veranlagen es kurzfristig, oft nur wenige Wochen oder Monate, in Schuldscheinen von Banken und Unternehmen. Sie sind damit ein wichtiger Gläubiger in Europa. Aktuell halten sie ein Viertel der kurzfristigen Schulden von Staaten und Unternehmen und 38 Prozent der Verbindlichkeiten von Banken.

Mit den neuen Regeln will sich Barnier um die "Risiken kümmern, die von Schattenbanken ausgehen". Dabei ist gerade die Verbindung zwischen den klassischen Geldhäusern und den Schattenbanken problematisch. In der Krise haben Geldmarktfonds ihre Finanzierungslinien für Banken gestrichen, etwa weil Anleger ihr Geld abzogen. Das hat zu den Problemen von Banken wie Lehman Brothers 2008 beigetragen. Um künftig Verluste und Panik bei Geldmarktfonds zu verhindern, müssen diese nun laut den geplanten Regeln der Kommission eine Mindestreserve an liquiden Mitteln von drei Prozent halten.

Darüber hinaus treten die Schattenbanken auch als Konkurrenz zu traditionellen Geldhäusern auf. Während Banken in Europa aktuell ihre Bilanzen straffen und Kreditportfolios verkaufen, expandieren Fonds. "Weil die künftigen Bankenregeln strenger sind, könnten sich die Anreize verstärken, sodass Geschäfte in den Schattenbanksektor abwandern", warnt Frédéric Hache, ein langjähriger Banker, der für die Nicht-Regierungsorganisation Finance Watch arbeitet. "Es ist wichtig, diese Abwanderung mit strengeren Regeln für Schattenbanken zu verhindern." Insgesamt gefällt dem Experten der aktuelle Entwurf von Barnier gut, "er wird die Finanzstabilität in Europa verbessern". Allerdings stecke der Teufel im Detail, so kritisiert Hache, dass Verbriefungen weiter zu lax reguliert werden.

Dazu kommt noch die internationale Dimension. Als 2012 Europas Banken in Nöte kamen, waren es US-Geldmarktfonds, die sich zurückzogen. Beim Gipfel der 20 größten Industrie- und Schwellenländer, der heute, Donnerstag, in St. Petersburg anfängt, sind die Schattenbanken daher auf der Agenda. Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa fordert einen verbindlichen Zeitplan für die Schattenbank-Regulierung auf G-20-Ebene. Der Finanzstabilitätsrat (FSB) hat diese Woche Empfehlungen für globale Regeln gemacht, die aber erst von den G-20 bestätigt werden müssen. (sulu, DER STANDARD, 5.9.2013)