Gerard Mortier hat in seinem Falter-Interview genau jene Probleme und jene durch nichts legitimierten Machtpositionen angesprochen, mit denen sich in Österreich - wenig überraschender Weise - weder die Politik, noch - sehr überraschender Weise - die Kulturjournalisten auseinandersetzen wollen. Auch Herr Trümpi verspürt in seinem Kommentar der anderen dazu keine Lust, sondern begnügt sich mit der mehrfach wiederholten Feststellung, die von Mortier vorgetragene Kritik enthalte nichts Neues und mit den üblichen argumenta ad personam ("trachtet nachträglich ein paar Hendln zu rupfen", "dürfte mehr der persönlichen Eitelkeit geschuldet sein", etc. ), die den Kritiker durch nicht weiter begründete Unterstellungen desavouieren und die sachliche Auseinandersetzung mit seinen Ansprüchen und Argumenten ersparen sollen.

Diese fallen in Herrn Trümpis Kommentar mehr als dürftig aus. Im wesentlichen laufen Sie darauf hinaus, daß die Zustände, die Mortier als unhaltbar beanstandet, nicht neu seien; dass es auch ihm selbst in seiner Zeit in Salzburg nicht gelungen sei, daran viel zu ändern; und dass das alles schon immer so gewesen und am Einfluß der Philharmoniker auf Ämterbesetzungen daher ebenso wenig zu ändern sei, wie am "Paradigma des Repertoires".

Brave Belegsammlung

Was zur Verbesserung jener Zustände getan werden muss, deren Schädlichkeit er gar nicht in Abrede stellt, sondern im Gegenteil mit einer braven Sammlung historischer Belege untermauert, bekümmert unseren Lehrbeauftragten an der Universiät für Musik und darstellende Kunst Wien nicht. Alles, was ihn bewegt, ist die Frage, warum der Falter Mortier zu Wort kommen lässt. Alles, was er uns mitzuteilen hat ist, dass man in der Geschichte "beliebig weit zurückgehen" könne und sehen werde, daß das alles schon immer so war.

Die gesetzte Abgeklärtheit, mit welcher der 39jährige Dozent dem 70 jährigen Theatermann sein von jugendlichem Esprit brennendes Engagement verweist, hat etwas Deprimierendes. Sicherlich, man soll die akademische Jugend nicht unnötig verstören, aber sie zur kritischen Auseinandersetzung mit vorgefundenen Gegebenheiten zu ermuntern, gilt eigentlich doch noch immer als eine vordringliche Aufgabe geisteswissenschaftlicher Bildung. Vielleicht können dazu ein paar Anregungen in der Sache dienlich sein.

Ein paar Anregungen

Mortier spricht sich für die Besetzung kulturpolitisch und künstlerisch entscheidend wichtiger Positionen durch die demokratisch legitimierten und dem Parlament verantwortlichen Amtsträger aus. Er wendet sich gegen die Delegierung dieser Verantwortung an Headhunter und er wendet sich vehement gegen die Akzeptanz eines (Mit-)Entscheidungsanspruches von Personen und/oder Personengruppen, die erstens über keine entsprechende Legitimation verfügen, zweitens keine Verantwortung für die von ihnen, gelinde gesagt: lancierten Personalentscheidungen übernehmen und drittens notorische materielle Eigeninteressen in der Sache haben. Er kritisiert, dass der amtierende Staatsoperndirektor, [der jetzt schon im dritten Jahr einen Spielplan zu verantworten hat, welcher - unter dem dröhnenden Stillschweigen des mächtigen Orchesters der Wiener Staatsoper (aka Wiener Philharmoniker) - in flagrantem Bruch des Gesetzes nicht ein einziges zeitgenössiches Werk enthält und die letzten siebzig (!) Jahre Musikgeschichte permanent ignoriert] in Wahrheit von eben jenen Wiener Philharmonikern ausgewählt wurde, die jetzt, wenig glaubwürdig, ihr Bedauern über das Fehlen zeitgenössischer Opern in ihrem Aufgabenbereich bei den Salzburger Festspielen beklagen.

Mortier fordert folgerichtig, dem Verein, der als Klangkörper Grandioses, in der Kulturpolitik aber lausige Arbeit leistet, das geforderte Mitspracherecht bei Intendantenbestellungen zu verweigern. Dem hat Herr Trümpi nichts als einen schrillen Chor Voltair'scher Panglosse entgegenzusetzen, die das hässliche Lied von der prästabilierten Harmonie alles Seienden mit dem historischen Beweis belegen, dass die Philharmoniker ja auch schon Gustav Mahler, Felix Weingartner und Clemens Krauss vertrieben (und letzteren erst wieder installiert hätten, als er sich mit den Nazis gutgestellt hatte), und dass daher kein Zweifel an ihrem Recht bestehen könne, auch in Hinkunft maßgeblichen Einfluß auf die Bestellung oder Vertreibung von Intendanten zu nehmen. Grotesk.

Keine Impulse

Mit allem schuldigen Respekt für die musikalische Größe des Orchesters muß man leider sagen, dass in den vergangenen Jahrzehnten nicht ein einziger vorwärtsgewandter künstlerischer oder kulturpolitischer Impuls von den Wiener Philharmonikern ausgegangen ist. Es ist daher überhaupt nicht einzusehen, mit welchem Recht der Verein ein Mitspracherecht bei der Bestellung von Intendanten reklamieren will.

Gerard Mortier, dessen Ansichten in diesem Bereich auf Grund seines Lebenswerks, seiner Erfahrung und seiner prononciert in Wort und Wirken vertretenen Position Gewicht haben, hat sich im Falter kompetent und konzis geäußert. Dass Österreichs Kulturjournalismus und beflissene Kommentatoren seine deutlichen Hinweise auf die künstlerische Inferiorität des Spielplans der Wiener Staatsoper mit Stillschweigen übergehen und den verantwortlichen Direktor mit der Sottise, Mortier sei eben "sauer", weil eine Kooperation mit ihm geplatzt sei, davonkommen lassen, ist ein beschämendes Armutszeugnis. In Wahrheit ist es diese Art der Verweigerung eines inhaltlichen Diskurses, welche die herrschenden Zustände nicht nur zementiert, sondern sie überhaupt erst ermöglicht. Dominique Meyer ist vollkommen im Recht: Er schert sich den Teufel um seinen gesetzlichen Auftrag und gibt dem österreichischen Boulevard, was er begehrt: Homestories für die Gazetten und auf der Bühne des von ihm geleiteten Hauses. Keiner hat Österreich besser verstanden als er. Man sollte seinen Vertrag verlängern, auf Lebenszeit. (Sven Hartberger, derStandard.at, 8.8.2013)