Halle/Berlin – 5,8 Millionen Deutsche mit Migrationshintergrund sind bei der Bundestagswahl 2013 wahlberechtigt, das sind neun Prozent all jener, die wählen gehen dürfen. Doch der Anteil der Kandidaten, die aus Einwandererfamilien stammen, ist deutlich geringer. Der Mediendienst Integration hat bei 96 Landesgeschäftsstellen nachgefragt und kam bloß auf vier Prozent.

Die mit Abstand meisten Bewerber mit Migrationshintergrund sind bei den Grünen zu finden, gefolgt von SPD und der Linken. Allerdings ist nur ein Prozent der Kandidaten auf einem sicheren Listenplatz vertreten.

Auch die Anzahl jener, die bereits im Bundestag sitzen und ausländische Wurzeln haben, ist eher bescheiden: Es sind 20 Abgeordnete von insgesamt 620 (sechs Grüne, fünf Linke, je vier bei SPD und FDP, nur einer bei CDU/CSU, die die größte Fraktion stellt). Immerhin gibt es in der Bundesrepublik gleich zwei Parteichefs, die das Einwanderungsland Deutschland in besonderer Weise repräsentieren: FDP-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler stammt aus Vietnam, er wurde von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Und die Eltern von Grünen-Chef Cem Özdemir, der sich selbst einen "anatolischen Schwaben" nennt, sind aus der Türkei nach Deutschland eingewandert.

Migranten mit Wahlrecht galten übrigens lange Zeit als sichere Bank für die beiden großen Parteien. Der Politikwissenschafter An­dreas Wüst fand heraus, dass die größte Gruppe (rund 1,5 Millionen Spätaussiedler aus Osteuropa) sich wegen der Politik von Helmut Kohl für diese Gruppe stark der CDU zuwandten. Türken mit deutschem Pass (rund 600.000) machten ihr Kreuzchen überwiegend bei der SPD – nicht nur weil sie sich von deren Politik vertreten fühlten, sondern auch weil sie oft gewerkschaftlich organisiert sind und es hier die größten Schnittmengen mit den Sozialdemokraten gibt. Doch die alten Muster lösen sich auf. Der SPD hat das Buch von Thilo Sarrazin in der türkischen Gemeinde geschadet. Die Nachkommen der Spätaussiedler können mit Kohl nicht mehr viel anfangen und sind gegenüber linken Parteien längst nicht mehr so kritisch eingestellt wie noch ihre Eltern.

Wenn sie denn könnten, gingen in Deutschland noch viel mehr Ausländer wählen. Jeder zweite Bürger eines Nicht-EU-Staates würde gerne an der Bundestagswahl teilnehmen. Das entspricht 1,8 Millionen potenziellen Wählern. (bau/DER STANDARD, 10.9.2013)