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Kulturelles Erbe oder Barbarei?

Foto: Israel Lopez/AP/dapd

Kulturelles Erbe oder Barbarei? Diese Frage entzweit einmal mehr die Spanier, wenn wie jedes Jahr im September in Tordesillas, unweit der Stadt Valladolid ein Stier freigelassen und anschließend von Hunderten von Lanzenträgern zu Fuß und zu Pferde gejagt und zu Tode gespießt wird.

Über zehntausend Tierschützer zogen am Samstag in Madrid vor die Büros der beiden großen spanischen Parteien, der regierenden konservativen Partido Popular und der sozialistischen PSOE, um ein Verbot des Schauspiels zu fordern. "Die einen regieren in der Region Castilla León, die anderen in der Gemeinde Tordesillas", erklärte ein Sprecher, warum die Tierschützer beide Formationen gleichermaßen für die "nationale Schmach" der Stierhatz verantwortlich machen. Wenn am Dienstag die Hatz auf Vulcano mit seinen 580 Kilogramm beginnt, wollen die Tierschützer vor dem Parlament Unterschriften gegen das Spektakel einreichen. Bereits im vergangenen Jahr hatten sie 75.000 Unterschriften gesammelt.

Als "anthropologisches Erbe" verteidigt

Im 9000-Einwohner-Ort Tordesillas freilich sehen sie das anders. Vor einer Woche verteidigten - organisiert von der Stadtverwaltung - eine Reihe von Uniprofessoren aus Spanien, Kolumbien und Portugal das "anthropologische Erbe". Es sei ein 500 Jahre alter Brauch und als solcher schützenswert. Ein Manifest "verteidigt eine gute und lobenswerte Tradition, aufgrund eines soliden und intellektuellen Standpunkts, aus der Sicht von Universitätsprofessoren, um mit dem Vorurteil Schluss zu machen, dass dies nur barbarische und ungehobelte Menschen tun".

Die Bilder, die einmal mehr über die Bildschirme flimmern werden, ermöglichen es, selbst zu entscheiden, ob die Stierhatz Kultur oder Barbarei ist. Vor zwei Jahren wurde vom Sieger dem schwer verletzten, liegenden Stier langsam mit einem Schraubenzieher das Rückenmark durchtrennt. (Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD, 17.9.2013)