Es war Sarin, in voller Konzentration und in einem massiven Angriff mit großer Munition eingesetzt. Diese Debatte ist zu Ende. Schon im Vorfeld der Veröffentlichung des Uno-Berichts über den Giftgaseinsatz am 21. August in Syrien wurde ja in die Propagandaschlacht geworfen, dass auch Uno-Inspektoren erstens politische Affiliationen haben und zweitens politischem Druck von Staaten, die ein bestimmtes Ergebnis sehen wollen, ausgesetzt sind. Mit dem "Wording" von Berichten lässt sich theoretisch in der Tat einiges machen, Hinweise können betont, Zweifel können heruntergespielt werden. Aber es lassen sich nicht "klare und überzeugende Beweise" für einen ausgewachsenen Sarin-Einsatz herbeischreiben, wie er im Bericht der Expertenkommission skizziert ist.

Dass am 21. August in Syrien Giftgas, welches auch immer, eingesetzt wurde, hatte auch vor Herausgabe des Berichts kaum jemand mehr bezweifelt. Schon frühere Vorfälle lieferten Hinweise auf den Einsatz von anderen Kampfstoffen beigemischtes Sarin. Offen war vor Montag die Frage nach der Eindeutigkeit der Sarin-Frage, aber auch, ob die Uno-Inspektoren Schlüsse in Bezug auf den Urheber der Angriffe präsentieren würden.

Wie – trotz massiven Spins in den Tagen vor der Publikation – erwartet, haben sie das nicht getan. Aber die Inspektoren haben einige Information über die eingesetzten Waffen geliefert – und darauf hingewiesen, dass "Fragmente und andere mögliche Beweise" vor ihrem Eintreffen eindeutig manipuliert und bewegt wurden. Das spricht gegen das Regime. Aus den Angaben zu den Gefechtsköpfen – einer davon mit kyrillischen Schriftzeichen – werden Militärexperten in den nächsten Tagen noch Hinweise abzulesen versuchen. Völlige Eindeutigkeit liefert das vielleicht nicht, denn zum Teil verfügen die Rebellen über die gleichen Systeme. Aber es gibt auch noch die Informationen über die Flugbahnen der Geschosse, die mit den existierenden Satellitenbildern abgeglichen werden können.

Was die technische Plausibilität betrifft, dass der Angriff eindeutig dem Regime zugeordnet werden kann, werden in den nächsten Tagen Fachleute – und Verschwörungstheoretiker – mit Sicherheit noch viel diskutieren. Jedenfalls waren die Angreifer Profis. Für den Uno-Generalsekretär, der noch nie durch allzu große Emotionalität aufgefallen ist, scheint die Sache klar zu sein, anders ist Ban Ki-moons vor der Presse ausgesprochener Satz "Schlachtet Euer Volk nicht mit Chemiewaffen ab" nicht zu erklären.

Dieser Emotionalität folgt die Ernüchterung. Die internationale Gemeinschaft hat großes Interesse daran, das Assad-Regime gerade jetzt nicht zu "verlieren". Der in der vergangenen Woche auf russische Initiative aufgebaute Draht zu Damaskus, der zur Abrüstung der syrischen Chemiewaffen führen soll, darf nicht gekappt werden. Das Regime muss weiter davon überzeugt sein, dass sich Kooperation mehr lohnt als Nichtkooperation.

Dazu braucht man Russland: Und man wird es nicht mit der Maximalforderung im Boot halten, dass die kommende Syrien-Resolution sich nicht nur auf Kapitel VII (Verbindlichkeit), sondern auch auf dessen Artikel 42 (Gewaltandrohung) beziehen soll. Das dringendste Ziel ist erst einmal, die syrischen Chemiewaffen in Griff zu bekommen. Damit wenigstens das, was am 21. August geschehen ist, nicht noch einmal geschehen kann. (DER STANDARD, 17.9.2013)