Thun - Rekordmeister Rapid startet mit dem FC Thun gegen den vermeintlich leichtesten Gegner in die Gruppe G der Fußball-Europa-League. Der Tabellensechste der Schweizer Super League gehört nicht zu den Topclubs in Österreichs Nachbarland. "Thun hat den Ruf als kleiner familiärer Verein - und ist das auch. Wir haben nach Lausanne das zweitkleinste Budget der Liga", sagte Thuns Sportdirektor Andres Gerber.

Beachtlich ist daher das Abschneiden in der jüngeren Vergangenheit. Nach dem Aufstieg in die höchste Spielklasse 2010 gab es in den folgenden Saisonen jeweils die Ränge fünf. "Wir haben uns mit wenig Geld in der ersten Hälfte der Liga etabliert, da kann man nicht alles falsch gemacht haben", ist Gerber durchaus stolz. Mit den Erfolgen würden allerdings auch die Ansprüche steigen. "Trotzdem haben wir weiter ein kleines Budget, der sechste oder siebente Rang wären für uns daher auch keine Katastrophe", betonte Gerber.

Risikoavers

Große Risiken einzugehen ist den Thunern fremd. "Wir schauen, dass wir mit wenig Geld das Optimum herausholen. Wir bleiben unserer Linie treu, machen nichts, was wir nicht finanzieren können", betonte Gerber. "Wir setzen vor allem auf Spieler aus der Umgebung oder der Schweiz, gehen keine Abenteuer ein. Das ist unser Rezept."

Kontinuität wird beim FC groß geschrieben. Bestes Beispiel ist Gerber, der von Sommer 2002 bis Sommer 2009 für Thun spielte und seit damals nach einem Kurz-Gastspiel als Interimstrainer dort auch als Sportdirektor arbeitet. "Kontinuität ist auch ein Ziel von mir als Sportdirektor. Spieler, die länger da sind, sollen auch neben dem Platz in den Verein eingebunden werden, damit das ganze Gebilde stabil bleibt", meinte Thuns Sportchef.

Aufbau

Die Unterschiede zu den nationalen Topclubs wie FC Basel, Grasshoppers Zürich oder Young Boys Bern sind jedenfalls groß und nicht nur in finanzieller Hinsicht gegeben. "Thun ist erst seit elf Jahren in der obersten Spielklasse, hat noch keine große Tradition. Auch was die Fans betrifft, sind wir immer noch im Aufbau", erklärte Gerber. Zudem ist auch die am 9. Juli 2011 eröffnete Arena Thun, die 10.000 Zuschauer fasst, zwar ein schmuckes Stadion mit Kunstrasen, allerdings von der Kapazität her nicht mit den meisten Schweizer Erstliga-Stadien vergleichbar.

Problematisch ist momentan auch, dass nur 6.000 Anhänger in der Meisterschaft ins Stadion dürfen, aufgrund von erfolgreichen Lärmklagen von Anwohnern. "Das ist schade für uns, den jeder Franken ist für uns wichtig. Aber unsere Anwälte sind dran, früher oder später wird die Sache geregelt sein", hoffte Thuns Sportdirektor. In der Europa League gibt es allerdings schon jetzt eine Ausnahmegenehmigung, die 9.100 Fans den Stadionbesuch ermöglicht.

Außenseiter schnuppert an Ambition

Dem Auftritt in der "Hauptrunde" des zweitwichtigsten Europacup-Bewerbes blicken die Thuner gelassen entgegen. "Wir haben die Erwartungen schon übertroffen, indem wir uns für die Gruppenphase qualifiziert haben", sagte Gerber. Tatsächlich hatte man den Aufstieg im Play-off gegen Partizan Belgrad (Gesamtscore 3:1) nach Triumphen über Tschichura Satschchere (GEO/Gesamtscore 5:1) und Häcken (SWE/Gesamtscore 3:1) nicht erwarten dürfen.

Nach der Gruppen-Auslosung hat die Mannschaft von Chefcoach Urs Fischer aber auch Lust auf mehr bekommen. "Auf dem Papier hat es sportlich sicher schwierigere Gruppen gegeben. Wir erwarten es natürlich nicht, aber von den Namen darf man hoffen, dass wir vielleicht auch noch weiterkommen", gab sich Gerber durchaus optimistisch.

Champions League-Erfolge

Wichtig sei ein guter Start. "Wir haben ein Heimspiel, da ist die Chance größer etwas zu holen als auswärts", war sich der 40-Jährige bewusst. Die Hütteldorfer wurden genauestens analysiert. "Das Trainerteam hat sich eingehend mit Rapid beschäftigt, kennt den Gegner in- und auswendig", sagte der Thun-Sportdirektor.

Von den internationalen Erfahrungen kann der 1898 gegründete Club jedenfalls mit Rapid nicht mithalten. Für Aufsehen sorgte er nur in der Saison 2005/06 als er als Schweizer Vizemeister und großer Underdog völlig überraschend in die Champions League einzog, dort mit vier Punkten aus sechs Spielen gegen Arsenal, Ajax Amsterdam und Sparta Prag gar Dritter wurde und in den UEFA-Cup umstieg, wo gegen den Hamburger SV das Aus kam. Daneben schaffte er es in der Saison 2011/12 bis ins Play-off zur Europa League. (APA, 17.9.2013)