Jena - Mit klinischen Krebs-Studien wird üblicherweise eruiert, ob Patienten durch die Behandlung mit einem neuen Krebsmedikament oder einem neuen Verfahren länger überleben, und ob sich der Krebs damit länger als mit herkömmlichen Therapien zurückdrängen lässt.

"Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass dieses Studiendesign aber den Bedürfnissen der älteren Krebspatienten, die den Großteil unserer Patienten ausmachen, nicht entspricht. Patienten, die in Krebsstudien inkludiert werden, sind im Schnitt zehn Jahre jünger als der durchschnittliche Krebspatient. Zusätzlich sind viele typische Begleiterkrankungen oftmals Ausschlusskriterien für eine Studienteilnahme", kritisiert der Onkologe Ulrich Wedding von der Abteilung für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Jena die gängige Praxis.

Wedding ist Mitglied in einer internationalen Expertengruppe, die eine stärkere Berücksichtigung älterer Patienten und ihrer Gesundheitssituation bei Krebsstudien fordert. In einem jetzt veröffentlichten Positionspapier sprechen sich Experten dafür aus, sowohl fitte als auch ältere und gebrechliche Patienten in Krebsstudien einzuschließen. "Spezielle Studien für ältere Krebspatienten sollten zur Pflicht werden, wenn sich die Standard-Therapie von der bei jüngeren Patienten unterscheidet", lautet eine der Forderungen.

Geriatrische Bewertungskriterien

"Obwohl Studien, in denen die Teilnehmer zufällig einer Interventions- oder Kontrollgruppe zugewiesen werden, als 'Goldstandard' in der klinischen Forschung gelten, können diese nicht alle Fragen für die Behandlung älterer Patienten beantworten", schreiben die Autoren. Deshalb empfehlen die Experten auch kleinere Untersuchungen, eventuell ohne Kontrollgruppe, um Erkenntnisse über die Wirksamkeit und Toxizität für enger umschriebene Patientengruppen zu gewinnen.

Für künftige onkologische Studien mit älteren Patienten sei es wesentlich vergleichbare geriatrische Bewertungskriterien zu integrieren. Zudem sollten die Zulassungsbehörden Belege für die Wirksamkeit und Sicherheit von neuen Therapien bei älteren und gebrechlichen Patienten einfordern, führen die Krebsmediziner als weitere Punkte an.

Mit dem Fokus auf geriatrische Krebspatienten ergeben sich völlig neue Studienfragen, die sich für jüngere Patienten nicht stellen: "Wir sollten auch unterschiedliche Behandlungsstrategien vergleichen, wie beispielsweise Therapie der Krebserkrankung und symptommindernde Versorgung. Denn bei älteren Patienten steht häufig nicht die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit im Vordergrund, sondern jene nach der noch möglichen Lebensqualität", gibt Onkologe Ulrich Wedding zu bedenken. (red, derStandard.at, 18.9.2013)