Mario Draghi hat einen erbitterten Feind: John Taylor. Dessen Taylor-Regel gibt an, wie hoch die Zinsen eines Landes angesichts der wirtschaftlichen Lage sein sollten. Und sie zeigt damit die Unzulänglichkeiten der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank unter Draghi.

Bei hoher Inflation und hohem Wachstum sollte die Zentralbank die Zinsen anheben. Die Taylor-Regel packt diese einfache Aussage in eine Formel. Für den Euroraum insgesamt wird diese Regel durchaus erfüllt. 0,39 Prozent sollte der Leitzins aktuell sein, angesichts moderater Inflation und kaum vorhandenen Wachstums. Bei 0,5 Prozent hat ihn die Europäische Zentralbank zuletzt festgesetzt.

Doch eine aktuelle Untersuchung von Zsolt Darvas, Ökonom an der Brüsseler Denkfabrik Bruegel, zeigt, dass Europas Währungsraum geteilt bleibt. Die zentralisierte Geldpolitik für die gesamte Eurozone wird den ökonomischen Realitäten in der Union kaum gerecht, betont die Studie, die derStandard.at vorliegt. "Die Ökonomie würde angesichts der Wirtschaftslage in Irland, Spanien oder Griechenland negative Zinsen rechtfertigen", so Darvas.

In Griechenland wären sogar Zinsen von minus 14 Prozent ökonomisch sinnvoll, in Spanien immerhin Sätze von minus 3,6 Prozent. Und in Portugal wäre die optimale Rate angesichts der flauen Wirtschaftslage minus 4,2 Prozent. Weil aber negative Zinsen für die EZB keine Option sind, könnte die Geldpolitik für Südeuropa etwa mit Anleihekäufen weiter gelockert werden.

Die EZB macht Politik für Frankreich

Die aktuelle Studie von Bruegel kommt damit zu einem wenig schmeichelhaften Ergebnis für die Europäische Zentralbank. Die Eurozone bleibt wirtschaftlich gespalten, die Geldpolitik des kleinsten gemeinsamen Nenners in Frankfurt verschärft zudem die wirtschaftlichen Probleme: "Jene Länder, die bereits eine geschwächte Wirtschaftslage haben, müssen auch noch mit relativ straffer Geldpolitik zurande kommen, während Länder in einer besseren wirtschaftlichen Situation auch noch die lockere Geldpolitik abbekommen", kritisiert Darvas.

Der Ökonom kommt zu dem Schluss, dass die Geldpolitik der EZB am besten für Frankreich geeignet ist. Hier war in den vergangenen 14 Jahren der Unterschied zwischen EZB-Leitzins und den Zinssätzen nach Taylor-Regel am geringsten. Für Länder wie Österreich und Deutschland hingegen ist die aktuelle Politik deutlich zu locker. Nach den Berechnungen von Darvas könnte Österreichs Wirtschaft bereits Leitzinsen von 3,5 Prozent, Deutschland sogar vier Prozent vertragen.

Dabei betont auch der Ökonom, dass solche Schieflagen in einer Währungsunion regelmäßig vorkommen. Auch in den USA etwa sind die ökonomisch sinnvollen Zinssätze für unterschiedliche Bundesstaaten verschieden. "Aber in den USA sind die Kapazitäten für zwischenstaatliche Anpassungsprozesse, etwa die Arbeitskräftemobilität, viel besser", betont Darvas. Zudem verfügen die USA über ein signifikantes bundesstaatliches Budget, um über die Fiskalpolitik Ausgleich zu schaffen.

Bis auch die Eurozone diese Institutionen, etwa eine Bankenunion, aufbaut, sollte die EZB kreativer werden, findet Darvas: "Angesichts der Machtlosigkeit der Zinspolitik sollten andere Wege gegangen werden, um die Finanzierungssituation im Süden der Eurozone zu verbessern." (Lukas Sustala, derStandard.at, 20.9.2013)