Papst Franziskus zeigt Zivilcourage: Nicht nur durch sein furchtloses Auftreten in den Favelas von Rio. Auch durch die Aufnahme eines offenen Dialogs mit nichtgläubigen Kritikern. So schreibt er eine offene Antwort an den führenden italienischen Intellektuellen Eugenio Scalfari, den Gründer und langjährigen Chefredakteur der großen linksliberalen römischen Tageszeitung "La Repubblica". Keine päpstliche Belehrung, sondern ein freundlicher Austausch von Argumenten auf gleicher Augenhöhe.

Unter den zwölf für Scalfari offengebliebenen Fragen ("La Repubblica", 11. September 2013) scheint mir die vierte für eine reformbereite Kirchenleitung von besonderer Wichtigkeit zu sein: Jesus sah sein Reich nicht von dieser Welt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist." Gerade die katholische Kirche aber sei allzu oft der Versuchung nach weltlicher Macht erlegen und habe zugunsten der Weltlichkeit die geistliche Dimension der Kirche verdrängt. Scalfaris Frage: "Repräsentiert Papst Franziskus schließlich doch den Vorrang einer armen und pastoralen Kirche vor ei-ner institutionellen und verweltlichten Kirche?"

Halten wir uns an die Fakten:

  •  Papst Franziskus hat von Anfang an auf päpstlichen Pomp und Protz verzichtet und hat den spontanen Kontakt mit dem Volk gesucht.
  •  In seinen Worten und Gesten hat er sich nicht als geistlicher Herr der Herren, sondern als der "Diener der Diener Gottes" (Gregor der Große) präsentiert.
  •  Er hat angesichts zahlreicher Finanzskandale und der Raffgier von Kirchenmännern entschiedene Reformen der Vatikanbank und des päpstlichen Kirchenstaates initiiert und eine transparente Finanzpolitik gefordert.
  •  Er hat durch die Einsetzung einer Kommission von acht Kardinälen aus den verschiedenen Kontinenten die Notwendigkeit der Kurienreform und die Kollegialität mit den Bischöfen betont.

Aber die Bewährungsprobe als Reformpapst steht ihm noch bevor. Dass für einen lateinamerikanischen Bischof die Armen in den Vorstädten der großen Metropolen im Vordergrund stehen, ist verständlich und erfreulich. Doch kann ein Papst der Gesamtkirche nicht übersehen, dass in anderen Ländern andere Gruppen von Menschen, die unter anderen Formen von "Armut" leiden, ebenso eine Verbesserung ihrer Lage ersehnen. Und dies sind besonders Menschen, denen ein Papst sogar noch direkter helfen kann als denen in den Favelas, für die ja in erster Linie die staatlichen Organe und die Gesellschaft insgesamt zuständig sind.

Für die Marginalisierten

Schon in den synoptischen Evangelien ist eine Ausweitung des Armenbegriffs erkennbar. Im Lukasevangelium meint die Seligpreisung der Armen ohne einen Zusatz offensichtlich die wirklich armen Leute, die Armen im materiellen Sinn. Im Matthäusevangelium aber gilt die Seligpreisung den "Armen im Geist", den geistig Armen, die sich als Bettler vor Gott ihrer geistigen Armut bewusst sind. Sie meint also ganz im Sinne der übrigen Seligpreisungen nicht nur die Armen und Hungernden, sondern auch die Weinenden, Zukurzgekommenen, Marginalisierten, am Rande Stehenden, Zurückgesetzten, die Verstoßenen, Ausgebeuteten und Verzweifelten. Also sowohl die Elenden und Verlorenen in äußerer Not (Lukas) als auch die in innerer Bedrängnis (Matthäus), eben alle, die mühselig und beladen sind - auch die Schuldbeladenen -, ruft Jesus zu sich.

Taten sind gefragt

Und so vervielfältigt sich denn die Zahl der Armen, die Hilfe erfahren sollen, um ein Vielfaches. Hilfe gerade vom Papst, wo er mehr als andere aufgrund seines Amtes helfen kann. Hilfe von ihm als dem Repräsentanten der kirchlichen Institution und Tradition meint mehr als nur tröstende und ermutigende Worte, meint Taten der Barmherzigkeit und Liebe. Spontan fallen einem da drei riesige Gruppen von Menschen ein, die innerhalb der katholischen Kirche "arm dran" sind.

Erstens die Geschiedenen: Sie zählen in vielen Ländern nach Millionen, von denen viele wegen Wiederverheiratung für ihr ganzes Leben von den kirchlichen Sakramenten ausgeschlossen sind. Die stärkere Mobilität, Flexibilität und Liberalität in den heutigen Gesellschaften sowie die deutlich längere Lebensdauer stellen für die Partner erhöhte Anforderungen an eine lebenslange Bindung. Gewiss wird der Papst auch unter diesen erschwerten Umständen die gebotene Unauflöslichkeit der Ehe mit Nachdruck vertreten. Aber man wird dieses Gebot nicht als eine apodiktische Verurteilung derer verstehen, die scheitern und keine Vergebung erwarten dürfen. Es handelt sich auch hier um ein Zielgebot, das lebenslange Treue einfordert, die ja auch von unzähligen Paaren gelebt wird, aber nicht schlechthin garantiert werden kann. Gerade die von Papst Franziskus geforderte Barmherzigkeit würde eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten gestatten, wenn sie ernsthaft gewünscht wird.

Verständnis für Frauen

Zweitens die Frauen, die wegen der kirchlichen Einstellung zu Empfängnisverhütung, künstlicher Befruchtung und auch Abtreibung von der Kirche geächtet werden und nicht selten in seelischer Not sind. Auch von ihnen gibt es auf der ganzen Welt Millionen. Das päpstliche Verbot "künstlicher" Empfängnisverhütung wird nur mehr von einer winzigen Minderheit von Katholikinnen befolgt und die künstliche Befruchtung von vielen mit gutem Gewissen praktiziert. Abtreibung soll selbstverständlich nicht banalisiert und gar als Mittel der Geburtenregelung eingesetzt werden. Doch verdienen Frauen, die sich, meist unter größten Gewissenskonflikten, aus ernsthaften Gründen dazu entscheiden, Verständnis und Barmherzigkeit.

Drittens die Priester, die wegen Heirat aus dem Amt ausscheiden mussten: Ihre Zahl geht in den verschiedenen Kontinenten in die Zehntausende. Und viele geeignete junge Männer werden wegen des Zölibatsgesetzes gar nicht erst Priester. Eine freiwillige Ehelosigkeit von Priestern wird zweifellos auch weiterhin in der katholischen Kirche ihren Platz haben. Aber eine für Amtsträger gesetzlich vorgeschriebene Ehelosigkeit widerspricht der im Neuen Testament gewährleisteten Freiheit, der ökumenischen kirchlichen Tradition des 1. Jahrtausends und den modernen Menschenrechten. Die Aufhebung des Zwangszölibats wäre die effektivste Maßnahme gegen den überall spürbaren katastrophalen Priestermangel und den damit verbundenen Zusammenbruch der Seelsorge. Wird der Pflichtzölibat beibehalten, ist auch an die wünschenswerte Ordination von Frauen zum Priesteramt nicht zu denken.

Schwierige Entscheidungen

Alle diese Reformen sind dringend und sollten zuerst in der Kardinalskommission zur Sprache kommen. Papst Franziskus steht hier vor schwierigen Entscheidungen. Er hat bisher schon große Sensibilität und Empathie für die Nöte von Menschen gezeigt und verschiedentlich beachtliche Zivilcourage bewiesen. Diese Qualitäten befähigen ihn, notwendige und zukunftsweisende Entscheidungen in diesen zum Teil schon seit Jahrhunderten anstehenden Problemen zu treffen.

In seinem am 20. September in der Jesuitenzeitschrift "La Civiltà Cattolica" veröffentlichten Interview anerkennt Papst Franziskus die Wichtigkeit von Fragen wie Empfängnisverhütung, Homosexualität und Abtreibung. Aber er wendet sich dagegen, dass diese Fragen allzu sehr ins Zentrum gerückt werden. Mit Recht fordert er ein "neues Gleichgewicht" zwischen diesen Moralfragen und wesentlichen Impulsen des Evangeliums selber. Dieses Gleichgewicht kann aber nur dadurch erreicht werden, dass die immer wieder aufgeschobenen Reformen realisiert werden, damit nicht die im Grunde zweitrangigen Moralfragen der Verkündigung des Evangeliums "die Frische und die Attraktivität" rauben. Dies dürfte die große Bewährungsprobe für Papst Franziskus sein. (Hans Küng, DER STANDARD, 23.9.2013)