Mit welchen Herausforderungen sind österreichische Unternehmen in der Ukraine konfrontiert, und welche Lösungsansätze verfolgen sie? Eine Analyse dieser Fragen erscheint wirtschaftlich relevant, denn die Ukraine ist innerhalb der Schwarzmeerregion nach der Türkei der zweitwichtigste Handelspartner Österreichs. Die Exporte erreichten im vergangenen Jahr ein Volumen von 674 Millionen Euro. Die Industrie hierzulande bietet gerade mit Maschinenbau und chemischen Erzeugnissen Produkte, die in der Ukraine nachgefragt werden.

Schwarzmeerregion-Experte Johannes Leitner und ein Forscherteam von der Fachhochschule des bfi Wien resümieren: Das Geld fließt, jedoch gibt es auch immer wieder Schwierigkeiten. "Wir haben uns die konkrete Frage gestellt: Wie wirken sich die spezifischen Rahmenbedingungen in der Ukraine auf die Geschäftstätigkeiten der internationalen und österreichischen Unternehmen aus?"

Das hatte zur Folge, dass das Wissenschafterteam statt eines rein wirtschaftswissenschaftlichen Zugangs einen interdisziplinären Ansatz wählte: "Man sieht in Studien häufiger, dass das politische institutionelle Umfeld aufgrund der betriebswirtschaftlichen Fokussierung unterbeleuchtet bleibt", sagt Leitner. Die Forscher stützten sich bei ihrer Analyse des politischen Umfelds auf die Theorie des Neopatrimonialismus: Dieser Begriff steht für eine Staatsform, die zwischen Demokratie und Autokratie angesiedelt ist. Es gibt bestehende Gesetze und Normen, die in der gesellschaftlichen Praxis nicht zwingend Anwendung finden.

Diese Schablone könnte auf die Ukraine passen: Zwar ist die ehemalige Sowjetrepublik ein demokratischer Staat, jedoch wird das Leben mehr von Rechtsunsicherheit, Korruption und informellen Netzwerken bestimmt. Diese mangelnde Balance von Ideal und Praxis prägt die Rahmenbedingungen der Wirtschaft: So werden zum Beispiel Gesetze absichtlich schwammig formuliert oder einander widersprechend verabschiedet, um Unternehmen unter Zugzwang zu bringen.

Öffentliche Ausschreibungen

Die theoretische Analyse der Rahmenbedingungen bereitete den eigentlichen Hauptteil der Studie vor: Die Forscher führten Interviews mit Repräsentanten ausländischer Unternehmen, aber auch mit Vertretern von NGOs, Journalisten und Wissenschaftern. In der betriebswirtschaftlichen Analyse erkannten Leitner und sein Team eine Reihe von Problemlösungsstrategien, auf die ausländische Unternehmen in der Ukraine zurückgreifen. Die Unternehmen versuchen den Kontakt mit Korruption zu vermeiden. Einige Konzerne nehmen gar nicht erst an öffentlichen Ausschreibungen teil. Leitner sagt, dass diese Strategie nicht komplett aufgehen kann, da alle unternehmerischen Aktivitäten irgendwann die öffentliche Verwaltung berühren - auch in der Ukraine.

Viele Unternehmen versuchen den Einfluss der ukrainischen Behörden zu minimieren, indem sie nur Verkaufsrepräsentanzen anstatt Tochterunternehmen unterhalten. Betriebsnotwendige Infrastruktur wird geleast oder gemietet, um vor Enteignungen gefeit zu sein. Ein zentraler Aspekt sei in der Ukraine auch die Rechtsunsicherheit. "Der offizielle Rechtsweg ist selten erfolgversprechend", sagt Leitner. Die Unternehmen einigen sich bei Differenzen meist außergerichtlich. So werden auch größere Abschlagszahlungen in Kauf genommen, um teure Prozesse zu vermeiden. Eine typische Strategie sei auch die Personalrekrutierung. Wichtige Bereiche wie die Rechtsabteilung oder die Buchhaltung werden mit lokalem Personal besetzt, um die nationalen Gepflogenheiten bestmöglich berücksichtigen zu können. Ausgerechnet diese beiden Abteilungen, die Probleme mit Gesetzen und Bilanzen zu lösen haben, sind meist verhältnismäßig groß. (lau, DER STANDARD, 25.9.2013)