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Birgit Minichmayr fliegt, Ignaz Kirchner und Martin Wuttke helfen beim Landen.

Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Wien - René Pollesch hat eine Wild Card: Er darf in fast jeder Burgtheatersaison eine Uraufführung realisieren. Ob sein neuer Abend Niveau hat und in den Spielplan passt, ist egal: Der Theatermacher aus Hessen, der mittlerweile mehr als 60 Inszenierungen eigener "Stücke" auf die Bühnen brachte, muss vorab nur irgendeinen Titel erfinden. Und so nannte er eben die Produktion, die am Mittwoch im Akademietheater herauskam, Cavalcade or Being a holy motor. Klingt gut, bedeutet aber nichts.

Mithin ist der Titel gut gewählt. Denn in Cavalcade geht es eigentlich auch um nichts. Oder um alles: um Sein und Schein, um Wirklichkeit und Wahrheit, um große Gefühle und niedrige Instinkte, um die Funktion des Theaters und die Bedeutung von nordkoreanischen Presseerklärungen.

Konkret kann man sich das vielleicht so vorstellen: Pollesch sah das Video mit Britney Spears als lasziver Stewardess, die, während sie im Flieger einen Klemmi vernascht, davon singt, dass sie einem toxischen Typen verfallen sei. Beim Zappen stieß er auf die Screwball-Comedy Leoparden küsst man nicht mit Cary Grant und Katharine Hepburn. Er las einen Text von Slavoj Zizek über Freud sowie ein Buch von Robert Pfaller. Und dann hat er, wie immer, alles zusammengemanscht - zu einem recht absurden Abend.

Die drei Figuren, die Pollesch auf die Bühne stellt, heißen M, B und I. Martin Wuttke erzählt in seiner typischen Stottermanier über seine gescheiterte Beziehung mit Silvia, die ziemlich toxisch, ja ein "toxischer Terrortyp" sei. Als Zuhörer fungiert Ignaz Kirchner, der ein bisschen an Kim Jong-il erinnern darf, ansonsten aber blass zu sein hat. Und Wien-Heimkehrerin Birgit Minichmayr ist als Silvia eher überdreht denn giftig.

Zwischendurch lassen sich die drei in den mit kleinen bunten Bällen gefüllten Orchestergraben fallen. Dort spielen sie Golf wie Kinder im Gatsch. Ansatzlos wechseln sie dabei in Gespräche zwischen David Huxley, Susan Vance und Mr. Peabody aus Leoparden küsst man nicht. Sie wechseln aber nicht nur die Identitäten, sondern auch mehrfach die Kostüme (von Nina von Mechow). Diese sind zum Schreien komisch.

Pollesch baute ein paar nette, platte Wortspiele ein, der Schluss, ein Dialog zwischen New Yorker Taxis, ist schön melancholisch. Und das Bühnenbild beeindruckt: Bert Neumann ließ aus Balsaholz einen lebensgroßen Kampfjet zimmern. Supergirl Minichmayr fliegt ihn nicht nur, sie hebt ihn auch mit ihren telepathischen Kräften. Der nur 75 Minuten lange Abend ist dennoch geschwätzig (etwa beim neunmalklugen Räsonieren über Psychoanalyse). Weitere fünf Minuten später weiß man nicht mehr, warum man Cavalcade eigentlich gesehen hat. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 27.9.2013)