moshe dayan: gibt es bislang eine auswertung über die wahlmotive der neos-wähler? falls ja: lässt sich der subjektive eindruck der enttäuschten övp-wähler wissenschaftlich dadurch untermauern?

Christoph Hofinger: Ich begrüße alle derstandard.at-User herzlich! Wir haben keine eigenen Auswertungen der Motive der Neos-WählerInnen, weil aufgrund der Fallzahlen diese zu unsicher wäre. Sie haben jeden vierten Wähler von der ÖVP bekommen, in Wien sogar 38 Prozent. Da liegt nahe, dass hier ein gewisser Anteil von der ÖVP enttäuscht war.

ModeratorIn: Die erste Frage ist durchgehupft: Ich begrüße SORA-Chef Christoph Hofinger im Chat zur Nationalratswahl.

Christoph Hofinger: Ich begrüße alle nochmals und freue mich auf eine anregende Stunde!

grisu the guru: In der Wählerstromanalyse werden zwar die Nichtwähler berücksichtigt, nicht aber die Ungültigwähler, wobei doch letztere interessanter wäre, oder?

Christoph Hofinger: In der Wählerstromanalyse werden Nicht- und Ungültigwähler zusammengenommen. Die Ungültig-Stimmen variieren nicht sehr stark nach Gemeinde bzw. Sprengel, das wäre aber die Vorausssetzung, um sie mit unseren statistischen Verfahren in eine Wählerstromanalyse einzubinden. Ungültige Stimmen enthalten vermutlich sehr viel Zufall oder Versehen und sind deswegen vermutlich daher schwer isoliert zu analysieren.

meryn: Wie stark ist die Steiermark dafür verantwortlich, dass ÖVP und SPÖ so viele Stimmen verloren hat?

Christoph Hofinger: Sie spielt natürlich eine erhebliche Rolle, weil die Verluste dort in Summe fast 11 Prozent betragen haben. Ich werde versuchen auszurechnen, wie groß der Anteil an den Gesamtverlusten war, vielleicht gelingt mir das noch im Verlauf des Chats.

UserInnenfrage per Mail: Wieso schneiden die Grünen in Umfragen immer besser als am Wahltag ab?

Christoph Hofinger: Immer stimmt nicht. Bei vielen Landtagswahlen hat es gepasst, zum Beispiel heuer in Kärnten oder in Salzburg. Die Grün-Wähler sind tendenziell politikinteressierter und als im Durchschnitt höher ausgebildete Menschen eher bereit, Interviews zu politischen Fragen zu machen. Aber es ist nicht nur ein methodisches Problem, sondern oft verlieren die Grünen bei den Entscheidungen in den letzten Tagen an Terrain. Auch die Neos dürften hier eine Rolle gespielt haben. Es fehlte auch eine bestimmte Latte, die politisch relevant ist (in den Ländern gibt es da oft mobilisierende Ziele - die Grünen können sagen, sie brauchen XX Prozent, um in die Landesregierung zu kommen).

meryn: Wird die Wahlbeteiligung mit den Wahlkarten noch stark ansteigen?

Christoph Hofinger: Um 8 bis 9 Prozent, also auf ungefähr 75 Prozent, das liegt dann gar nicht viel unter 2008. Insofern kein Grund zur Klage, dass die Wahlbeteiligung bedenklich niedrig sei, die ist im internationalen Schnitt recht hoch.

UserInnenfrage per Mail: Sind Sie vom Wahlergebnis überrascht?

Christoph Hofinger: Im Großen und Ganzen war es in der Form absehbar. Ich hätte das Rennen um Platz zwei enger erwartet, beim Team Stronach ein knapperes Überspringen der 4-Prozent-Hürde und ebenso bei den Neos.

Fetznschädel: Wie sieht es bei den Jungwählern im Vergleich Lehrlinge vs Gymnasiasten aus? Gibt es da eine klare Spaltung was die Wahlpräferenzen angeht?

Christoph Hofinger: Sie haben recht, die beiden Gruppen wählen sehr unterschiedlich. In unserer Wahltagsbefragung kann ich die beiden Gruppen aufgrund der Fallzahl nicht trennen. Aber aus anderen Studien wissen wir: Bei Lehrlingen ist die FPÖ sehr stark, teilweise auch bei BHS-SchülerInnen, bei AHS-SchülerInnen dafür die Grünen.

UserInnenfrage per Mail: Haben die Umfragen versagt?

Christoph Hofinger: Nein! Laurent Millischer, Österreichs Nate Silver, hat auf derStandard.at einen exzellenten Blog, wo er die Ergebnisse der Umfragen zusammengefasst hat. Die Grünen wurden etwas überschätzt (siehe oben), die Neos etwas schwächer gesehen, aber das Bild zu den Umfragezeitpunkten ohne Last-Minute-Swing zeigt ein solides Abbild der Stärkenverhältnisse.

schmalspurganove: Inwiefern spielen regionale Entscheidungen (Gemeindezusammenlegungen in der Stmk oder der Mariahilfer-Straßen-Umbau in Wien) eine Rolle bei der Nationalratswahl? Kann der Wähler da differenzieren?

Christoph Hofinger: Die Nationalratswahlen sind an sich "First Order Elections", das heißt, an sich werden sie wenig für Denkzettel genutzt, die Unzufriedenheit auf anderen Ebenen kanalisieren. Die Steiermark dürfte hier eine Ausnahme gewesen sein. Hier wäre interessant, eine Nachwahlstudie zu machen, was dort wirklich SP- und VP-Anhänger demobilisiert hat. Die Gemeindezusammenlegungen können es nicht gewesen sein, eventuell spielen andere Maßnahmen (wie Rücknahme des Gratiskindergartens) eine stärkere Rolle, aber das ist nur eine These.

xEurocent: SPÖ und ÖVP haben zwar verloren, aber nicht dramatisch. Auch sind ihre Wähler nicht in Scharen zu anderen Parteien gewechselt. Um meine Frage ganz salopp zu formulieren: Sterben ihnen schlicht die Wähler weg und kommen davon diese minus zwei Prozent

Christoph Hofinger: Allein durch "natürliche Faktoren" ist die Veränderung nicht zu erklären - aber sie spielen natürlich eine Rolle. Jedes Jahr kommen 70.000 Erstwähler dazu, bei denen SP, VP, FP und Grüne ungefähr gleich stark sind und auch Gruppen wie die Piraten überdurchschnittlich punkten. Die SPÖ hat 16 Prozent ihrer WählerInnen von 2008 direkt an andere Parteien verloren, die ÖVP 21 Prozent. Sie zerfransen in fast alle Richtungen, aber nirgendwohin dramatisch. Umgekehrt erhalten sie auch wieder einen Teil zurück.

post.it: warum hat die FPÖ in Wien verhältnismäßig wenig zugelegt ?

Christoph Hofinger: Die Frage beschäftigt mich auch. Ich hätte mehr erwartet. Möglicher Grund 1: Sie hat ihre Potenzial 2008 schon ausgeschöpft. Möglicher Grund 2: In Wien war relativ wenig vom BZÖ zu holen, da wechselten nur 16.000 zur FP (von insgesamt nur 40.000, die das BZÖ im Jahr 2008 hatte). Im Wesentlichen war das Wachstum der FPÖ eine teilweise Rückgewinnung der BZÖ-Stimmen, und das ging in anderen Bundesländern besser.

castellonença: Hallo Christoph, ist nach den Daten die Frank-Partei hauptsächlich rechtslastig oder durchaus in der politischen Mitte angesiedelt (z.B. nicht ausländerfeindlich, etc.)?

Christoph Hofinger: Das Team Stronach ist wirtschaftsliberal (also rechts), der Anti-EU-Populismus hat keine bestimmte Stoßrichtung. Der Umstand, dass sie xenophobe Töne vermeiden, macht sie noch nicht zum Teil der politischen Mitte. Allerdings sind sie auch pragmatisch in Sachen Koalition wie in Salzburg, wo sie ja mit den Grünen regieren.

meryn: Was waren die Motive der FPÖ-Wähler?

Christoph Hofinger: 64 Prozent ihrer WählerInnen haben gesagt, die FP hat den besten Spitzenkandidaten, mehr als bei der ÖVP, weniger als bei SPÖ und Grünen. Gleichauf kommt das Programm, mit 53 Prozent Kontrolle von Missständen. 87 Prozent der FPÖ-Wähler finden auch, dass die FPÖ in der nächsten Regierung vertreten sein soll. Das ist zwar etwas weniger als bei den anderen Parteien, zeigt aber, dass die FPÖ-Anhänger kein Dauerabo für die Oppositionsbank wollen.

leucanthema: wie sieht die wählerstromanalyse in der steiermark aus? aus welchem pool hat da die fpö am meisten stimmen für sich gewinnen können?

Christoph Hofinger: Ein Viertel der jetzigen FP-WählerInnen in der Steiermark kommt vom BZÖ, je 5 Prozent von SP, VP und NichtwählerInnen. Heute um 19 Uhr auf "Steiermark heute" gibt es so wie in jedem Bundesland eine animierte Landes-Wählerstromanalyse für mehr Details.

UserInnenfrage per Mail: Warum ist das Team Stronach unter den Erwartungen geblieben?

Christoph Hofinger: Frank Stronach hatte etwas, was Politiker früher hatten: eine Art Aura durch seine Geschichte und sein Auftreten, zumindest für einen Teil der Bevölkerung (er war ja schon bei 15 Prozent plus Ende 2012). Der heutigen Politikergeneration ist durch die ständige mediale Präsenz diese Aura schon verlorengegangen. Frank Stronach hätte nicht ins Fernsehen gehen sollen. Seine inhaltlichen Patzer (Todesstrafe etc.) waren in meinen Augen weniger das Problem als die Erkenntnis für viele, der hat ja auch nicht so viel Mystisches wie gedacht und gehört auch zur politischen Kaste - die die Stronach-Wähler ja ein bisschen abstrafen wollten.

falke62: wieviel prozent haben die neos den grünen genommen?

Christoph Hofinger: 57.000 sind von Grün zu Neos gewandert, also 1,2 Prozent der gültigen Stimmen als direkter Effekt.

blob1: Welche Verschiebungen können die noch nicht ausgezählten Wahlkarten bewirken?

Christoph Hofinger: Ergänzung zu vorhin (hab zu früh abgeschickt): Die Neos haben die Grünen mehr gekostet als die 1,2 Prozent, weil auch WechselwählerInnen von VP nicht zu Grün, sondern zu Neos gegangen sind, ebenso bei den ErstwählerInnen. Dritter Effekt: Wären die Neos-Wähler daheim geblieben, hätten die Grünen allein dadurch mehr Anteil an den gültigen Stimmen erhalten. Den "Gesamtschaden" muss man daher mit mindestens 2 Prozentpunkten beziffern. Jetzt zu den Wahlkarten: Durch die wandert je 1 Mandat zu ÖVP, Grün und Neos. Sie kommen von SP und FP. Die Grünen haben Chancen auf ein 24. Mandat, das könnte zulasten von SP, VP, Stronach oder den Neos gehen.

schmalspurganove: Warum ist der Unterschied im Wahlverhalten zwischen Männern und Frauen so groß (FPÖ bei Männern an 1. Stelle)?

Christoph Hofinger: Ja, das ist ein enormer Unterschied, vermutlich der größte Gender Gap, den es in Österreich je gab. Bei jungen Männern sind VP und SP schwach, hier ist die FPÖ sehr stark. Sie hat Botschafen, die für Menschen in der Erhalterrolle attraktiv sind, insbesondere wenn sie unter ökonomischem Druck stehen. Frank Stronach ist ebenfalls bei Männern stärker, und das hat ebenfalls für SP und VP den Erfolg bei Männern verringert. Umgekehrt haben die Grünen mehr Frauen angesprochen, was auch ein häufiges Muster ist; das liegt nicht nur daran, dass die Spitzenkandidatin eine Frau ist.

schmalspurganove: Warum wanderen die Proteststimmen in Österreich hauptsächlich nach rechts und nicht zu Piraten/KPÖ?

Christoph Hofinger: Proteststimmen wanderten heuer - vor allem bei Landtagswahlen - zu den Grünen und damit auch zu einer Partei links der Regierung (zumindest wenn wir nach der Selbsteinstufung der Grün-WählerInnen gehen). Das Angebot der KPÖ und der Piraten und ihre Kampagnen sind bedingt massentauglich. Der rechte Protest hat in Österreich durch Haider, verbunden mit einer Unterstützung einiger Medien, eine lange Tradition und wird auf Jahrzehnte Teil der politischen Kultur bleiben. Wobei die Dinge auch differenzierter zu sehen sind: Das sozialpolitische Programm der FPÖ hat durchaus linkspopulistische Züge, man könnte meinen, Strache hat von Gregor Gysi abgeschrieben. Die Mindestlohnforderung der FPÖ war meines Wissens die höchste im Wahlkampf. Und im Gegensatz zu früher (da hat die FPÖ einfach "Sozial statt brutal" auf ihren Plakaten geradebrecht) sind die sozialpolitischen Forderungen, jedenfalls in puncto Kampagneneffektivität und Zielgruppenadäquanz, wesentlich durchdachter und konsequenter als früher.

charley-inc: Wie haben die Migrantinnen und Migranten gewählt?

Christoph Hofinger: Die SPÖ ist deutlich vorne, auch bei geringen Fallzahlen signifikant. Sie dürfte mehr als 30 Prozent haben. Dann folgen (Reihenfolge nach Stimmzettel) ÖVP, FPÖ und Grüne mit je 15 bis 20 Prozent.

ModeratorIn: Leider ist unsere Chat-Stunde schon um. Dank für ihre Fragen, liebe UserInnen! Danke an Christoph Hofinger von SORA für die Antworten.

Christoph Hofinger: Herzlichen Dank an die derstandard.at-UserInnen für Ihre spannenden Fragen, die Zeit ist schnell vergangen. Es hat mir wieder einmal sehr Spaß gemacht, einen Wahlausgang mit Ihnen zu diskutieren. Bis zum nächsten Mal! C.H.