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"Wir sind Aleviten": Angehörige der Minderheit bei einer Demonstration vor einem Gericht in Ankara im vergangenen Frühjahr.

Foto: Reuters/Bektas

Sie kommt jeden Tag, jeden Abend gegen halb acht, wenn das "Türkü evi" noch nicht voll ist, trinkt einen Kaffee und wiegt die rechte Hand im Takt der Musik. "Das ist positive Energie", sagt Gülsan Adanali. Doch in den Liedern geht es immer um tragische Liebe, Tod und um die Vergänglichkeit der Welt. Keine leichte Kost, dargebracht von einem Sänger, der sich auf der Saz begleitet, einem Saiteninstrument, und mit einem Kopfnicken jeden neuen Besucher im plüschroten "Türkü evi", dem "Gesangshaus", begrüßt. Das ist der Planet Alevi in Istanbul, ein Teil der liberalen alevitischen Kultur im sonst konservativen, sunnitisch dominierten Islam der Türkei.

Gülsan Adanali schwelgt in alten Zeiten. "In Bodrum, wissen Sie, als ich noch gesungen habe, da haben sie mit Raki-Gläsern den Takt geschlagen", erzählt sie. Nicht ganz das, wie sich die seit nun elf Jahren regierende konservativ-islamische Regierung von Tayyip Erdogan das Leben ihrer frommen Bürger vorstellt. Aber mit 76 Jahren lässt sich Frau Adanali, die frühere Sängerin und Zahnärztin, schon längst nichts mehr vorschreiben.

Verordnete Wohltaten

Dabei tut die Regierung Erdogan nur Gutes, so sehen es Premier, Minister und Partei: Ein neues "Demokratiepaket" hat der türkische Regierungschef am Montag enthüllt. Es ist das fünfte Paket mit allerlei Reformen von Strafrechtsänderungen über Kurdischunterricht bis zu einer möglichen Senkung der Zehnprozenthürde bei Wahlen, seit Monaten angekündigt, ohne öffentliche Diskussion oder Debatte im Parlament. Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat sowieso die absolute Mehrheit. Dieses Mal aber soll das Reformpaket auch der großen alevitischen Glaubensgemeinschaft in der Türkei - vielleicht ein Fünftel der Muslime im Land - mehr Geltung verschaffen.

Die Glaubenshäuser der Aleviten, die "cemevi", und die geistlichen Führer wird der Staat anerkennen, so heißt es. Dabei ist es nur ein paar Monate her, dass Minister der Regierung erklärten, ein muslimisches Glaubenshaus habe ein Minarett oder es sei eben keines. Mittlerweile ist in Ankara schon der Grundstein gelegt worden für den Bau einer gemeinsamen Glaubensstätte mit sunnitischer Gebetshalle und Minarett auf der einen Seite und einem Cemevi auf der anderen. Fünf weitere Bauprojekte gibt es bereits im Land. Dabei waren die Aleviten, die sich wie die Schiiten auf Ali berufen, den Schwiegersohn des Propheten Mohammed, stets unterdrückt und verfolgt - im Osmanischen Reich wie in der Türkischen Republik. 1937 massakrierte der Staat zehntausende kurdische Aleviten in der zentralanatolischen Provinz Dersim; 1993 brannte ein sunnitischer Mob ein Hotel mit Aleviten in Sivas nieder.

Zweifel an der Öffnung

Die neue Freundlichkeit der sunnitisch geprägten Regierungspartei ist vielen Aleviten suspekt. An die Reform glauben sie nicht. "Wieso machen sie das jetzt? Jahrhundertelang haben sie unsere Cemevis niedergerissen", sagt Ali, der Besitzer des "Türkü evi" nahe der Istiklal Caddesi, in das Gülsan Adanali so gern kommt. "Ist ihnen ein Stein auf den Kopf gefallen?" (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 30.9.2013)