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Soldaten kehren ins Jetzt zurück - nach Thalerhof

Foto: APA/LUPI SPUMA / SCHAUSPIELHAUS Graz

Graz - "Schlamm, Blut und Schnee" ist das Gemenge, unter dem jene liegen, die den Heldentod starben - vor 100 Jahren in den Karparten: Sie fielen in Uniformen, die sie für den Zaren oder den österreichischen Kaiser anhatten; dort spricht der polnische Autor Andrzej Stasiuk, der selbst zwischen hunderten Soldatenfriedhöfen lebt, zu den Toten.

Besser gesagt: Sein Alter Ego, der Erzähler in Stasiuks Stück Thalerhof, das am Freitagabend am Grazer Schauspielhaus uraufgeführt wurde, spricht mit den Toten. Jan Thümer spielt den Reisenden, der den roten Faden durch den zweieinhalbstündigen Abend spinnt. Er nimmt das Publikum in der Inszenierung der Intendantin des Hauses, Anna Badora, an der Hand und erzählt noch von anderen Toten, die einen nicht minder sinnlosen Tod starben.

Die Rede ist von Ruthenen, orthodoxen Slawen, die im katholischen Kaiserreich als "russophil" galten und daher aus ihren karpato-ukrainischen Dörfern deportiert wurden. 7000 wurden in einem Lager auf dem Areal des heutigen Grazer Flughafens Thalerhof interniert. Rund 1700 von ihnen starben an Typhus oder Hunger. Ihre Gebeine wurden in eine fünf mal sieben Meter große Grube gekarrt: "20 Tonnen grauweiße mineralisierte Erde", erzählt Thümer. Sie liegen in einer Ecke des lokalen Friedhofs.

Es ist eine der berührendsten Szenen des Abends, der leider auch Längen hat, weil das Stück streckenweise an eine Geschichtsstunde erinnert. Das beginnt schon mit Mauerschau der Dorfbewohner.

Darauf folgt ein Blick in das Heim des rebellischen orthodoxen Märtyrers Maxim Sandowicz, den Simon Zagermann als religiösen Fanatiker gibt. Seine schwangere Frau (überzeugend: Seyneb Saleh) versucht vergeblich, ihn vor der Erschießung zu bewahren. Einen beeindruckenden Auftritt hat die echte Urenkelin des Heiligen, die neunjährige Tatjana Sandowicz, die von Maxym und einer Tante erzählt, die Geister vertreibt.

Nach der Pause ist man in Thalerhof. Dort wartet ein starkes Bild (großartige Bühne von Raimund Orfeo Voigt): Der Flughafen ist voller Reisender, die sich über "Gesindel aus dem Osten" alterieren, als die toten Soldaten aus der Erde kriechen. Auch der Geist einer Toten aus dem Lager (Verena Lercher) stört die Passagiere.

Stasiuks Stück ist nicht nur Würdigung anonymer Toter, es verhandelt auch die Sinnlosigkeit von Kriegen, deren Ideale längst vergessen sind. Am Ende fahren auch Heiliger und Kaiser (Stefan Suske) in die Grube. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 30.9.2013)