Angesichts ihrer Wahlverluste berieten SPÖ und ÖVP am Montag getrennt voneinander, wie man in einer Koalition neuen Stils nicht mehr so alt aussehen könnte. Vorstellung von Kanzler Werner Faymann: Rot und Schwarz müssten endlich "gemeinsam als Regierung" auftreten - und nicht sogar jene Vorhaben madig machen, über die man sich bereits geeinigt hat.

In gutem Glauben an Besserung schwor Faymann das Parteipräsidium der SPÖ am Montag darauf ein, Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP aufzunehmen. Gespräche mit der FPÖ lehnt er ab, auch wenn das verhandlungstaktisch Nachteile bringt. Ebenso kein Thema ist eine Dreierkoalition, weil eine solche nur die Entscheidungen verlangsame, meint Faymann, dem Bundespräsident Heinz Fischer - ebenfalls Großkoalitionär - bis spätestens Anfang nächster Woche den Auftrag zur Regierungsbildung erteilen wird.

Parallel dazu warnen rote Granden wie Wiens Bürgermeister Michael Häupl vor einem Bündnis aus Schwarz, Blau und dem Team Stronach - nicht ganz zu Unrecht. Denn trotz der roten Willensbekundung will sich die ÖVP nicht in die Karten schauen lassen.

Abseits des mächtigen Niederösterreichers Erwin Pröll, der für Rot-Schwarz ist, treten einige schwarze Landeschefs für Alternativen ein: Der Kärntner Gabriel Obernosterer spricht sich für Schwarz-Blau mit einem dritten Partner aus, der Wiener Manfred Juraczka fände eine Einbindung von Neos "interessant". Allerdings: Neos-Chef Matthias Strolz hat ein Bündnis mit der FPÖ bereits ausgeschlossen.

Die schwarzen Landeshauptleute Josef Pühringer (Oberösterreich) und Wilfried Haslauer (Salzburg) sprachen sich dafür aus, dass sich die ÖVP zunächst einmal alle Optionen offenhalten sollte. Damit gemahnt das schwarze Vorgehen an die Taktik von ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel, der sich nach Nationalratswahlen wochenlangen Sondierungsgesprächen widmete, statt konkrete Zusagen zu machen. Das Ergebnis ist bekannt: Zweimal ließ Schüssel die SPÖ links liegen, um einen Regierungspakt mit der FPÖ zu schließen.

Er werde "unmittelbar" mit allen Parteien Gespräche aufnehmen, sagte der aktuelle Parteichef Michael Spindelegger nach einer Vorstandssitzung am Montag: Natürlich rede die ÖVP auch mit der SPÖ konstruktiv, "aber wir legen uns nicht fest. Wie lange die Verhandlungen dauern werden, weiß ich nicht: Ich bin kein Prophet."

Revival eines roten Traumas

Finanzstaatssekretär Andreas Schieder fühlt sich prompt an das für die SPÖ traumatische Wendejahr 2000 erinnert: "Da haben sie auch gesagt, jetzt schau' ma mal. Dann haben wir geschaut, wie Schwarz-Blau herausgekommen ist. Am Ende hat ganz Österreich geschaut, wie es bergab ging."

Hinter den Kulissen sieht so mancher Sozialdemokrat die Lage freilich weniger düster. Viele trauen sozialpartnerschaftlich geprägten Politikern wie Spindelegger und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner nicht zu, mit Heinz-Christian Straches Blauen gemeinsame Sache zu machen. Trotz missglückter Wahl sieht es momentan auch nicht so aus, als würde ein FP-freundlicher Kandidat die ÖVP übernehmen: Am Tag nach der Wahl wagte es niemand, eine Obmanndebatte anzuzetteln.

Dafür stehen einige Minister im ÖVP-Team zur Disposition. Als Ablösekandidaten gelten seit der Debatte um das Bienensterben Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich und die von Missbrauchsskandalen im Gefängnis angeschlagene Justizministerin Beatrix Karl. Wahrscheinlich ebenfalls nicht mehr lange in Amt und Würden: Generalsekretär Hannes Rauch, verantwortlich für den schwarzen Wahlkampf.

Überdies stehen sowohl bei Schwarz als auch Rot die Klubobleute zur Debatte. Mit Josef Cap (SPÖ) und Karlheinz Kopf (ÖVP) - Letzterer hat bei der Wahl sein Direktmandat in Vorarlberg verloren - lasse sich kaum Aufbruchsstimmung vermitteln. Statt Kopf könnte Maria Fekter vom Finanzministerium ins Parlament wechseln - wenn sie nicht, wie kolportiert, in den EU-Rechnungshof nach Brüssel geht. Statt Cap könnte Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos zum Zug kommen, zumal er Faymann als Wahlkampfleiter zum ersten Platz verholfen hat.

Als so gut wie fix gilt, dass jeweils ein Regierungsamt eingespart wird. Bei der SPÖ sollen die Gesundheitsagenden von Alois Stöger ins Sozialressort von Rudolf Hundstorfer wandern, der damit zu einer Art Superminister aufsteigt. Die Sozialdemokraten spitzen aber auch auf das Wissenschaftsressort, um es dem Bildungsministerium zuzuschlagen; die ÖVP könne dafür gerne das Verteidigungsministerium haben. Amtsinhaber Gerald Klug hat als steirischer Spitzenkandidat mit dem schlechten Ergebnis im eigenen Land an Statur verloren.

Bei der ÖVP gilt das Staatssekretariat von Reinhold Lopatka im Außenamt als Konkursmasse. Dafür soll Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz zum Minister aufsteigen - verschiedene Ressorts kommen infrage.

Welche Partei eine psychologisch bessere Ausgangsposition im G'riss um die Ämter hat, wird am Donnerstag mitentschieden, wenn das endgültige Wahlergebnis inklusive Briefwähler vorliegt: Beide Seiten würde nichts mehr wurmen, als den Konkurrenten gerade bei den Verlusten zu überholen. (Gerald John/Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 1.10.2013)