Bild nicht mehr verfügbar.

Samantha Lewthwaite ist auf der Flucht und wird von Interpol gesucht. Sie soll eine der Drahtzieherin hinter dem Anschlag auf die Westgate-Shopping Mall gewesen sein.

Foto: APA/EPA/Ho

Bild nicht mehr verfügbar.

Dzhennet Abdurakhmanova verübte 2010 ein Selbstmordattentat in der Moskauer U-Bahn.

Foto: APA/EPA/Newsteam

Frauen können auch ganz anders. Immer häufiger treten sie in terroristischen Organisationen auf und führen Anschläge durch. Jüngstes Beispiel dafür war der Anschlag auf ein Einkaufszentrum in Nairobi. Mia Bloom erklärt im Interview mit derStandard.at, welche Vor- und Nachteile die weibliche Beteiligung für Jihadisten hat und wieso besonders westliche Konvertitinnen sich radikalisieren.

derStandard.at: Mehrere Augenzeugen des Anschlags auf das Westgate-Einkaufszentrum in Kenia berichten, dass eine Frau den Terroristen Anweisungen gegeben haben soll. Es könnte sich dabei um die gebürtige Britin Samantha Lewthwaite handeln. Wäre das das erste Mal, dass eine Frau federführend hinter einem islamistischen Anschlag steht?

Bloom: Ich habe keine Zweifel daran, dass Samantha Lewthwaite eine Rolle gespielt hat, als es darum ging Geld und Ressourcen für diesen Anschlag aufzustellen. Es sollen ja auch Kanadier und US-Amerikaner mit somalischen Wurzeln beteiligt gewesen sein. Ich glaube aber nicht, dass sie selbst vor Ort Befehle gegeben hat und mit blutverschmiertem Gesicht geflüchtet ist, wie behauptet wird. Die Islamisten in der Region befolgen keine Anweisungen von Frauen. Deshalb wäre ich wirklich überrascht, wenn sie eine aktive Rolle gespielt hat und vor Ort gewesen ist. Bis dato gibt es keine Beweise und ich bin mir nicht sicher, ob die Informationen der Augenzeugen – darunter ein zwölfjähriges Mädchen – tatsächlich stimmen.

derStandard.at: Gibt es Beispiele aus der Vergangenheit, wo Frauen an Anschlägen nicht nur beteiligt, sondern diese geleitet haben?

Bloom: In europäischen Terrorgruppen, wie zum Beispiel der ETA, IRA oder dem Baader-Meinhof-Komplex gab oder gibt es Frauen an der Spitze.

Was islamistische Organisationen betrifft, sind Frauen zwar beteiligt, aber nicht federführend bei der Planung und Ausführung. Es gibt keine Frau, die tatsächlich das Kommando überhat oder überhatte. Ein Beispiel dazu: Beim Anschlag auf ein Moskauer Theater im Jahr 2002 waren auch Frauen unter den Geiselnehmern. Sie hatten Sprengsätze umgeschnallt, aber keine Möglichkeit diese zu zünden, weil diese von den männlichen Geiselnehmern kontrolliert wurden. Das ist typisch für islamistische Gruppen.

derStandard.at: Man bekommt oft den Eindruck, dass konvertierte Frauen sich häufiger radikalisieren und gewalttätig werden, als Frauen die in islamischen Gesellschaften aufgewachsen sind.

Bloom: Das hat damit zu tun, dass Konvertiten – egal welcher Religion – sich grundsätzlich als tief gläubig empfinden. Denn eine Religion zu verlassen und sich einer anderen zuzuwenden, dafür muss es schon ein gewisses Maß an Hingabe geben. Ich selbst bin Jüdin, kenne ehemalige Christen, die zum Judentum konvertiert sind und heute ihren Glauben viel stärker leben als ich. Der Konvertit hat mehr Leidenschaft, er wurde nicht einfach in die Religion hineingeboren und lebt damit. Der Islam ist die am schnellsten wachsende Religion der Welt, sieht man sich die Zahl der Konversionen an. Nur eine kleine Anzahl darunter radikalisiert sich.

derStandard.at: Was sind die Gründe dafür, dass manche das tun?

Bloom: Wir wissen darüber immer noch viel zu wenig. Es gibt viele islamische Communities, wo radikale Dinge vertreten werden. Aber das ist nicht genug, um dann tatsächlich auch etwas in die Tat umzusetzen. Wenn man Konvertit ist, weiß man anfangs nicht sehr viel über die Religion und deshalb ist man sicher auch anfälliger für Leute, die einem sagen, wie dieses und jenes im Islam interpretiert werden muss. Man besitzt weniger Fähigkeiten, radikalem Gedankengut etwas entgegenzusetzen.

Neben den Konvertiten gibt es auch sogenannte "Reverts". Das sind Muslime, die zum Beispiel in Großbritannien aufwachsen, anfangs nicht besonders religiös sind, aber sich später im Leben der Religion zuwenden und dann radikalisieren.

derStandard.at: Welche Vorteile ergeben sich für Jihadisten, wenn Frauen Teil ihrer Organisationen sind?

Bloom: Ein Vorteil ist, dass man damit automatisch mehr Reichweite bei der Rekrutierung hat. Was aber vielleicht noch wichtiger ist: wenn eine Organisation an Einfluss verliert, dann ist es sehr effektiv Frauen zuzulassen, um wieder mehr Zulauf zu bekommen. Folgende Botschaft an die Männer gerichtet: "Ihr versteckt euch hinter den Frauen. Wenn ihr echte Männer wärt, würdet ihr euch engagieren und kämpfen." Frauen werden eingesetzt, um Männer zum Jihad zu motivieren. In einer Gesellschaft, in der Maskulinität sehr wichtig ist, kann so Druck ausgeübt werden.

derStandard.at: Hat die Öffnung gegenüber Frauen auch Nachteile?

Bloom: Die alte Generation an Jihad-Kämpfern ist nach wie vor sehr skeptisch bezüglich der Beteiligung von Frauen. Die jüngere Generation ist viel enthusiastischer. Abu Musab az-Zarqawi, Abu Mansur Al-Amriki, Anwar Al-Awlaki, Anführer der Al Kaida Ableger im Irak, in Somalia und dem Jemen, haben alle Frauen eingesetzt. Aber Al Zawahiri, der seit dem Tod Bin Ladens Chef der Al Kaida ist, sagt immer noch, dass es keine Frauen bei der Al Kaida gibt. Es gibt einen Generationenkonflikt. Das könnte zu einem Problem werden. Aber das ist der einzige Nachteil, den ich sehe.

derStandard.at: Wie können sich Frauen denn radikalisieren? Der Einstieg scheint schwieriger als das bei Männern der Fall ist.

Bloom: Von den Informationen, die wir haben, lässt sich ablesen, dass das zumindest bei Frauen aus westlichen Staaten doch sehr ähnlich erfolgt wie bei Männern, nämlich zum Beispiel über das Internet. Man kann sich zwar auch selbst radikalisieren, aber irgendwann sucht man dann die Verbindung zu einer Organisation, damit es nicht nur bei Gedanken und Gefühlen bleibt. Frauen in Konfliktgebieten werden hingegen durch ihre täglichen Erfahrungen radikalisiert. Ob es jetzt Palästinenserinnen sind, die von israelischen Soldaten am Checkpoint belästigt werden, oder tamilische Frauen, die vergewaltigt werden.

Früher hat man versucht Männer aus terroristischen Aktivitäten herauszuholen, indem man sie verheiratet hat. Als sich 1974 die PLO die Terrororganisation Schwarzer September aufzulösen versuchte, versuchten sie das mittels Frauen, Kindern und Haus. Damit waren diese Leute zu beschäftigt für terroristische Aktivitäten. Heutzutage ist das anders: Es werden radikale Frauen mit radikalen Männern verheiratet, um sicherzustellen, dass sie auch radikal bleiben.

derStandard.at: Warum werden weibliche Attentäterinnen immer mit Etiketten versehen, wie z.B. "Weiße Witwe", "Schwarze Witwe" oder "Jihad Jane", Männer aber nicht?

Bloom: Medien spielen nicht immer eine positive Rolle, weil sie diese Frauen immer zu Anti-Helden machen und natürlich auch berühmt. Sie sind fasziniert von weiblichen Terroristen. Wir haben immer noch die Annahmen in unserem Kopf, dass Frauen Frieden stiften, viel friedlicher sind und dass es nicht in ihrer Natur liegt, zu kämpfen und gewalttätig zu sein. Alle Indizien weisen darauf hin, dass das Gegenteil der Fall ist. Frauen können genauso gewalttätig sein. Wenn man sich die Transkripte des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda ansieht, wird klar, wieviele Frauen bei der Ermordung der Tutsis beteiligt waren. Sie haben ihre Männer aufgefordert: Geh und töte noch mehr Tutsis! Die tamilischen Frauen, die ich in Sri Lanka besucht habe, waren die furchteinflößendsten Frauen, die ich je getroffen habe.

derStandard.at: Wird der Anteil an Frauen, die sich terroristisch betätigen, weiter steigen?

Bloom: Ja, vor zehn Jahren war es Frauen noch nicht möglich sich in islamistischen Organisationen einzubringen. Palästinensische Frauen sind damals zur Hamas und dem islamischen Jihad und meldeten sich als Selbstmordattentäter. Sie wollten zeigen, dass sie sich genauso aufopfern können und wollen wie Männer. Hamas und der islamische Jihad haben das abgelehnt. Als es für die Hamas immer schwieriger wurde Männer durch die Checkpoints zu schleusen, hieß es plötzlich: wir nehmen auch Frauen auf.

Wenn eine terroristische Organisation nicht nur Soldaten tötet sondern Zivilisten, dann nützen Frauen, weil sie sich unauffälliger in einer Gruppe von Zivilisten bewegen können. Und generell sehen wir eine Verschiebung der Anschlagsziele von sogenannten hard targets wie Militäreinrichtungen zu soft targets wie Einkaufszentren und öffentliche Verkehrsmittel.

derStandard.at: Gibt es spezifische Gruppierungen und Regionen, wo der Anteil an Frauen stetig wächst?

Bloom: In den palästinensischen Gebieten gibt es einen Rückgang an Selbstmordanschlägen, aber es gibt immer noch viele Versuche und viele Frauen, die in israelischen Gefängnissen sitzen. Entweder weil sie direkt invovliert sind oder wegen der Unterstützung von Terrorismus. 30 Prozent der Selbstmordattentäter in Tschetschenien sind Frauen. 30 bis 35 Prozent der tamilischen Selbstmordattentäter sind Frauen. Auch bei der PKK in der Türkei sind es 25 Prozent. Überall gibt es einen Anstieg an weiblicher Beteiligung. Dasselbe gilt für Neonazi-Gruppen, darüber spricht allerdings niemand.

derStandard.at: War der Angriff auf das Einkaufszentrum in Nairobi eine Verzweiflungstat von al-Shabaab oder wurde hier die unerwartete Stärke und Macht der Organisation demonstriert?

Bloom: Der Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum birgt ein großes Risiko für al-Shabaab, denn es wurden auch Kinder gezielt erschossen. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass die Tötung von Kindern durch Islamisten auch von radikalen Teilen der Bevölkerung nicht akzeptiert wird. Kinder werden sehr wertgeschätzt. In Tschetschenien haben Islamisten sehr viel an Beliebtheit eingebüßt, als sie 2004 eine Schule in Beslan gestürmt haben und Kinder getötet haben. Auch jihadistische Gruppen haben ein Sensorium für solche Dinge.

derStandard.at: Wird es jetzt vermehrt Anschläge in Ostafrika, insbesondere Kenia, geben?

Bloom: Ob wir in Zukunft ähnlich große Anschläge sehen werden, hängt davon ab, ob die kenianischen Behörden das Netzwerk um die Drahtzieher des Westgate-Anschlags ausheben können. Die meisten der Täter sollen schon vor Ort getötet worden sein. Das heißt automatisch, dass die Behörden keine oder wenige Informationen über andere Beteiligte bekommen. (Teresa Eder, derStandard.at, 11.10.2013)