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"Irgendwann gibst du die Hoffnung auf. Du hörst auf zu suchen und lässt es einfach bleiben", sagt Mario García-Calderon. Der 23-jährige Spanier lebt und studiert in Madrid. Wie viele seiner Freunde würde er gerne arbeiten, kann es aber nicht. Die Arbeitslosigkeit in Spanien ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern vor allem eine soziale Katastrophe. Den Traum unabhängig zu werden, eine eigene Wohnung zu beziehen oder eine Familie zu gründen, müssen viele erst einmal nach hinten verschieben.

Mario ist ein typisches Beispiel für die meisten Spanier von heute. Er ist gut gebildet, hat aber kaum Perspektiven. Um zu verstehen, wie das Land dahin gekommen ist, wo es heute ist, muss man weit in die Geschichte zurück. In die Zeit der "Dictadura", in der Francisco Franco das Land über 36 Jahre lang nach seinem Willen dirigiert hat.

Ein Blick zurück

1939: Mit Unterstützung von Hitler-Deutschland setzt sich der "Caudillo", so wird "der General" in seinem Heimatland genannt, im spanischen Bürgerkrieg durch. Die ersten zwanzig Jahre seiner Diktatur beschreibt der deutsche Historiker Walther Bernecker im Gespräch mit derStandard.at wirtschaftlich als "einziges Fiasko". Danach öffnet sich das Land allmählich, der Wirtschaftsliberalismus hält Einzug auf der iberischen Halbinsel. Das spanische Wirtschaftswunder geht los, Jahre der Prosperität und Vollbeschäftigung sind die Folge. "Die Menschen konnten sich langsam ein Auto leisten und fuhren das erste Mal in den Urlaub", sagt Bernecker.

Gewerkschaften und Streiks sind jedoch auch im wirtschaftsliberalen Spanien weiter verboten. Die herrschende Klasse um Franco sichert sich so ihre Macht. Im Austausch dafür macht Franco Arbeiter quasi unkündbar. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders fällt das wenig auf, wer einen Job will, bekommt ihn auch. Später sollte sich das aber rächen.

Der Tod des Caudillo

Franco stirbt 1975, im Jahr darauf bekommt Spanien ein echtes Parlament, 1978 folgt die Verfassung. Der Übergang zur Demokratie ist kein leichter, politisch nicht und wirtschaftlich schon gar nicht. Die Ölkrisen in den 1970ern sorgen für hohe Inflation, die Arbeitslosigkeit steigt, es wird gestreikt. 1981 versucht das Militär noch einmal zu putschen, scheitert aber. Die Demokratie setzt sich durch.

Die Zeiten sind instabil, die Unternehmen verunsichert. Die Kombination aus hohem Kündigungsschutz, schlecht ausgebildeter Bevölkerung und überregulierten Märkten wird Spanien zum Verhängnis, schreibt Raymond Torres, ehemaliger Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), in einem Bericht. Spanien ist nicht das einzige Land mit wirtschaftlichen Problemen, aber nirgendwo sonst steigt die Arbeitslosigkeit so stark.

Viele Ökonomen machen dafür die Arbeitsmarktgesetze des Landes verantwortlich. Zwar werden die Gesetze Francos 1980 revidiert. Die neuen Arbeitsmarktgesetze gelten aber nur für neue Verträge. Die Mehrheit der Spanier kann man weiter nur schwer und wenn, dann zu hohen Kosten, kündigen. 1986 erreicht die Arbeitslosigkeit einen Rekordwert, fast 22 Prozent.

Rettungsanker Europa

Im selben Jahr tritt Spanien der Europäischen Gemeinschaft, der heutigen EU, bei. Nun scheint das Land seine grausame Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen zu haben. "Für den Beitritt wurde vieles liberalisiert, Zölle und Förderungen wurden radikal gestrichen", schreibt Torres weiter. 1986 ist nicht nur ein Rekordjahr, was die Arbeitslosigkeit betrifft, sondern auch eine Wende.

Bis 1990 sinkt die Arbeitslosenrate auf unter 16 Prozent, immerhin. Doch dann ist Schluss. Die Weltwirtschaft verdunkelt sich. Spaniens Arbeitslosigkeit schlägt wieder nach oben aus, wieder viel stärker als in anderen Ländern. Das Land ist in einer ähnlichen Lage wie heute, ein Häuserboom reißt die Wirtschaft mit sich. Bis 1994 klettert die Arbeitslosigkeit auf fast 25 Prozent.

Das dient als Anlass für neue Reformen. "Die Abfindungszahlungen wurden verringert und eine aktivere Arbeitsmarktpolitik eingeschlagen“, schreibt Raymond Torres. Die maximale Abfindung wurde von 42 auf 24 Monatsgehälter verringert. Ein Unternehmen musste einem Mitarbeiter vorher bis zu 3,5 Jahresgehälter bezahlen, um ihn loszuwerden.

Weniger Geld dafür keine Reformen

Gleichzeitig einigten sich Unternehmen und Arbeiter darauf, die Löhne in den nächsten Jahren weniger zu erhöhen als normal. Die Lohnzurückhaltung war so etwas wie ein Austausch für nicht kommende Arbeitsmarktreformen. Das Konzept ging auf, die Arbeitslosigkeit zurück. Unter der konservativen Aznar-Regierung erlebt Spanien einen erneuten Aufschwung.

Europa hilft indirekt mit. Spanien will die Peseta gegen den Euro eintauschen, die Politiker putzten das Land heraus. Bis 2000 sinkt die Arbeitslosenrate auf etwas über 13 Prozent, wegen statistischer Änderungen im Jahr darauf sogar auf gute zehn Prozent. So niedrig war die Arbeitslosigkeit seit Ende der 1970er nicht mehr.

Die Peseta geht, der Euro kommt und sorgt gleich für einen Boom im Land. Weil Anleger der Eurozone großes Vertrauen schenken und Wechselkursrisiken wegfallen, sinken die Zinsen stark. Die Spanier verschulden sich, das Land und seine Strände werden mit Hochhäusern zugepflastert. Die Arbeitslosigkeit sinkt auf acht Prozent, aber auch am Höhepunkt des Booms ist sie weiterhin doppelt so hoch wie etwa in Österreich, den Niederlanden oder Dänemark. Auch wenn bald niemand mehr unter den alten Franco-Verträgen arbeitet, der Arbeitsmarkt des modernen Spanien bleibt ein Problemkind.

Das Spanien von heute

Eine Finanzkrise und eine geplatzte Immobilien-Blase später, liegt die Wirtschaft des Landes heute am Boden. Die Arbeitslosigkeit springt auf über 27 Prozent. Fast vier Millionen Arbeitsplätze sind seit 2008 weggefallen. Die meisten davon fehlen im Bau, wo sie so schnell auch nicht zurückkommen werden.

"Die Leute mit wenig Ausbildung werden noch lange Probleme haben“, sagt Manuel Sanchis, Volkswirtschafts-Professor an der Universität Valencia, im Gespräch mit derStandard.at. In den Jahren des Booms haben viele die Schule oder Ausbildung abgebrochen und sich auf Baustellen schnelles Geld verdient. Die Krise trifft sie nun viel mehr als alle anderen. "Der Staat macht auch nicht viel, um die wieder job-fit zu machen." Im Dienstleistungsbereich ist er optimistischer. Die Jobs in den Banken, Hotels oder Restaurants würden wiederkommen, wenn es wirtschaftlich bergauf gehe, so Sanchis.

Bergauf

Sanchis wird lauter, wenn er von der schlechten Situation spricht. Ihm scheint das Thema eine Herzensangelegenheit zu sein. Spaniens Wirtschaft leidet und mit ihr das ganze Land mit. Es reicht ein Spaziergang durch die kleinen Gassen der Hauptstadt Madrid, um das zu erkennen. Dort ist es fast unmöglich, sich in kein Gespräch mit einem der vielen offenherzigen Spanier über die katastrophale Lage des Landes zu verwickeln. Doch nicht alles ist so schlecht, wie es scheint.

Immer wieder berichten Zeitungen, 20 oder 25 Prozent Arbeitslosigkeit seien doch normal für Spanien. Am Arbeitsmarkt hat sich aber vieles getan, auch wenn laut Sanchis zu wenig gemacht wird, um die Menschen besser auf die Arbeit vorzubereiten. "Eine Rate von acht Prozent, das scheint mir normal für das Spanien von heute", sagt der Arbeitsmarktexperte. Damit Jobs geschaffen werden, musste die Wirtschaft früher um drei Prozent pro Jahr wachsen. Heute sind es laut einer neuen Studie nur mehr ein bis 1,5 Prozent, "oder noch weniger", fügt Sanchis an.

Er erwartet sich schon in den nächsten zwei, drei Jahren Verbesserungen. Wenn alles gut laufe, könne Spanien in weniger als zehn Jahren bei acht Prozent sein, ist er überzeugt. Schenkt man Manuel Sanchis Glauben, kann Spanien seine Geschichte, Jahrzehnte hoher Arbeitslosigkeit, bald hinter sich lassen. Dann ist Mario, unser Politik-Student von Beginn, aber schon deutlich über 30. Bis dahin zu warten, kommt für ihn nicht in Frage. "Mein Plan ist es, Spanien zu verlassen. Ich bringe mir gerade Englisch bei und will dann gehen." (Andreas Sator, derStandard.at, 24.10.2013)