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Die "Tabacs" wurden in den letzten Jahren weniger, jetzt sollen Geldgeschäfte Belebung bringen.

Foto: AP/Corhaelu

"Eine Packung Gauloises, einen Lottoschein und 200 Euro, s'il vous plaît!" Mit einer solchen Aufforderung wird man sich in Frankreich bald an seinen Tabakhändler wenden. Die Zigaretten und das Glückspiel kann man auch getrost weglassen: Die "Tabacs", diese landesweit allgegenwärtigen Bistro- und Schalterläden mit der roten Raute, bieten künftig nach und nach das Geschäft herkömmlicher Banken an.

Ein Personalausweis und ein Adressbeleg genügen, um bei einem Rauchwarenhändler ein Konto zu eröffnen. Für 20 Euro - weniger als in Frankreich die Eröffnung eines normalen Bankkontos kostet - erhält man eine EC-Karte, mit der man im Tabac, aber auch an anderen Geldautomaten in ganz Europa Bares beziehen kann. Mit der Mastercard lässt sich zudem überall zahlen und einzahlen oder auch Geld überweisen.

Nur zwei Dienste bietet das "Nickel" genannte System nicht: Die Kunden erhalten kein Scheckheft und auch keinen Kredit. Man kann also nicht mehr bezahlen, als man auf dem Konto hat. "Dies verunmöglicht es, in die roten Zahlen zu kommen", meint der Initiator Hugues Le Bret, ehemaliger Kommunikationschef der Großbank Société Générale. Die Vereinigung der 27.000 Tabakläden, CNBF, betont ebenfalls den sozialen Zweck: Die Operation "Nickel" (im Volksmund: "super") ist vor allem für Leute gedacht, die wegen wiederholter Kontoüberziehung keinen Zugang mehr zum normalen Bankverkehr erhalten.

Darunter seien junge Leute aus den Vorstädten, aber auch ärmere Rentner in abgelegenen Landgegenden, wo der lokale Tabac noch einen sozialen Treffpunkt und letzten Bezug zur Außenwelt darstelle, meint die CNBF. Mit dem neuen Zahlungssystem sucht sie auch ihr Angebot zu erweitern, da die Zahl der Raucher am Abnehmen ist. Nach den Kaugummis und Lottoscheinen soll nun das Geldgeschäft das Tabac-Sterben stoppen. Ein Barbezug kostet immerhin 50 Cents, eine Einzahlung auf sein eigenes Konto wird mit zwei Euro belastet. Sonst verlangen die Zigarettenverkäufer keine Gebühren - im Unterschied zu den Banken. Die Durchschnittskosten eines Nickel-Kontos werden auf 34 Euro geschätzt, bedeutend weniger als für die gleichen Operationen im Verkehr mit den herkömmlichen Banken.

Keine Spekulation

Der Verband der französischen Bankkunden begrüßt die Neuerung als Stimulierung der Konkurrenz. Ihr Vorsteher Serge Maître glaubt allerdings nicht, dass die Gebühren aufs Jahr berechnet so viel niedriger lägen als bei einem normalen Kontokorrent. Die "buralistes", wie man die Tabakhändler nennt, haben diese Woche angekündigt, dass mit den Einlagen keinerlei Spekulation betrieben werde. Geldwäsche sei ohnehin ausgeschlossen, da man in einem Monat nicht mehr als 750 Euro deponieren dürfe.

Die ersten Tabacs wollen das neue Kontosystem ab Anfang November einführen, die Mehrheit soll zum Jahreswechsel folgen. Bis Ende 2014 rechnet der Verband mit 100.000 Kontoeröffnungen. Spötter meinen, angesichts der immer höheren Zigarettenpreise bräuchten Raucher ohnehin bald eine richtige Kreditkarte, um ihre tägliche Glimmstängelration finanzieren zu können. (Stefan Brändle, DER STANDARD, 19.10.2013)