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Verbandschef Sándor Csányi (re) kassiert jene verbalen Ohrfeigen, die auch dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán (links) gelten.

Foto: EPA/Beliczay

Das Finale der Qualifikation verdeutlichte den maroden Zustand der ungarischen Nationalelf, die zuletzt 1986 eine WM beehrte. Gegen die Niederlande setzte es am vergangenen Freitag in Amsterdam ein vernichtendes 1:8. Vier Tage später reichte es in Budapest gegen Andorra nur zu einem mühsamen 2:0. Teamchef Sándor Egervári hatte bereits nach dem Amsterdamer Debakel seinen Hut genommen. Den Platz auf der Trainerbank nahm vorläufig dessen Assistent József Csábi ein.

Der Fußball ist in Ungarn ein Politikum. Ministerpräsident Viktor Orbán ist besessen von diesem Sport. Seit seiner Jugend ist der Chef des Fidesz (Bund Junger Demokraten) lizenzierter Kicker seines Heimatklubs FC Felcsút. Der 50-jährige läuft heute nicht mehr aufs Spielfeld, tat dies aber noch während seiner ersten Amtszeit von 1998 bis 2002. Inmitten einer Wirtschaftskrise, trotz zunehmender Verarmung von Teilen der Bevölkerung, steckt der Rechtspopulist Orbán Euro-Millionen in den Bau neuer Stadien. Er träumt davon, Ungarn wieder zu jener großen Fußballnation zu machen, die es schon zu Zeiten eines Ferenc Puskás war. Es deutet nichts darauf hin, daß die Vision bald Realität werden könnte.

Verbündeter des Ministerpräsidenten

Orbán regiert auch in den Fußball hinein. Nachdem er 2010 zum zweiten Mal an die Macht gekommen war, machte er Sándor Csányi zum Präsidenten des Fußballverbandes MLSZ. Der steinreiche Geschäftsmann ist Chef der größten Kundenbank des Landes, der Landesparkasse OTP. Der 60-Jährige gilt als Verbündeter des Ministerpräsidenten, auch wenn er Orbán gelegentlich widerspricht, etwa bei der Sonderbesteuerung des Bankensektors, die auch von den in Ungarn tätigen österreichischen Banken beklagt wird.

Orbán veranlasste 2010 auch die Entlassung des damaligen Nationaltrainers Erwin Koeman, der international einen guten Ruf hat. Zuvor hatte Orbán dem Niederländer vorgeworfen, ein Profi zu sein, "dem nicht das Herz bricht, wenn die gesteckten Ziele nicht erreicht werden".

"Schmach und Schande!"

Das siebente Scheitern in WM-Qualifikation en suite - Ungarn belegte in Gruppe D hinter den Niederlanden und Rumänien Rang drei - könnte Orbán und seinem Fidesz Image-Einbußen zufügen. Diverse Politiker, eher aus dem zweiten Glied stammend, nahmen nach dem 1:8 gegen die Niederlande Csányi aufs Korn. "Schmach und Schande! Nicht nur Egervári muss fallen", tönte der Fidesz-Kommunikationsdirektor Máté Kocsis. Der Hinterbänkler Zsolt Wintermantel forderte über Facebook: "Csányi und die ganze MLSZ-Führungsriege sollen abtreten! Jetzt!"

Der angegriffene Verbandspräsident schlug zurück. Über Kocsis sagte er, dass der als Parteisprecher "sicher schon genug gelogen hat". Als Bürgermeister des 8. Budapester Stadtbezirkes habe Kocsis dafür gesorgt, daß es dort weniger Fußballplätze gebe denn je.

Orbán hüllte sich hingegen in Schweigen. Zugleich glaubt niemand, dass innerhalb des Fidesz ein Schwergewicht wie Csányi ohne Einverständnis von Orbán kritisiert werden kann. Es liege auf der Hand, dass der Verbandspräsident zum Sündenbock erklärt wurde, um die Kritik von Orbán abzulenken. Csányi wiederum dürfte die Standkraft und auch die Ressourcen haben, um das auszuhalten. Sein Rücktritt ist unwahrscheinlich. (Gregor Mayer aus Budapest, DER STANDARD, 18.10.2013)