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"Aber ja, es gibt in der Gegenwartsliteratur wohl eher einen Hang zur sprachlichen Fluffigkeit, zum Risikofreien, zum weniger Radikalen": Clemens Meyer.

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Der Schriftsteller Clemens Meyer, Jahrgang 1977, wirkt entspannt, als er in dem kleinen Interviewraum am Stand seines Verlages bei der Frankfurter Buchmesse sitzt. Von draußen dröhnt das Surren und Sirren des Literaturbetriebs herein. Sein Roman "Im Stein", ein mitreißendes Kaleidoskop aus vielfältigen Stimmen aus der Welt der Prostitution, stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ging aber leer aus. Er habe dennoch eine sehr schöne Woche in Frankfurt verbracht, sagt er. In sein Buch schreibt er zum Schluss die Widmung: "Auf die gute, alte Wucht!"

STANDARD: Als Sie 2008 für Ihren Erzählband "Die Nacht, die Lichter" für den Leipziger Buchpreis nominiert waren, sagten Sie, dass Sie diese Wettbewerbe wie ein Sportler angingen. "Wenn ich nominiert bin, will ich den Preis auch gewinnen." Nun haben Sie den Deutschen Buchpreis nicht bekommen. Ist der Sportler Meyer nun enttäuscht?

Meyer: Erst mal muss man sagen, dass das nun ja schon fünf Jahre her ist. Natürlich will ich immer noch Preise gewinnen. Ich habe ja auch eine hohe Meinung von meinem Buch. Das hat ja jeder Autor. Aber ich habe den Preis eben nicht bekommen. Das macht das Buch nicht schlechter. Einerseits sagt man sich als Autor, dass die Jury es versäumt hat, ein Zeichen zu setzen. Andererseits denkt man sich: ach Gott. So ist es halt. Es ist ein Zirkus, den man halt mitmacht. Man braucht ja auch das Geld. Denn so ein Preis kurbelt auch den Buchverkauf an. Und dann kann man womöglich zwei, drei Jahre etwas ruhiger leben.

STANDARD: Sie wirken sehr selbstbewusst, Herr Meyer.

Meyer: Ich war immer schon selbstbewusst.

STANDARD: Kolja Mensing, Kritiker bei Deutschlandradio Kultur, schrieb in seinem Blog, dass er es sehr bedauere, dass Sie den Preis nicht bekommen haben. Denn die Jury hätte so ein politisches Signal setzen können, eben weil es in Ihrem Buch um die Abgründe der Prostitution geht. Können Sie mit Mensings Kritik etwas anfangen?

Meyer: Für mich ist natürlich der literarische Gehalt, der das Buch auszeichnet, wichtiger. Ich behandle ja Fragen der Gesellschaft, der Zeiten und Leben anhand eines Milieus, von dem viele sagen, es tauge nicht für die Literatur. Das lenkt aber davon ab, dass es Literatur ist. Wenn ich den Preis bekommen hätte, wäre das schon ein Zeichen gewesen. Ja, damit kann ich etwas anfangen. Aber für mich ist das Politische nicht entscheidend. Und es ist eher Zufall, dass es im Rotlichtmilieu spielt. Das ist für mich ein literarischer Raum wie jeder andere.

STANDARD: Wirklich Zufall? Wenn man sich die literarischen Räume anschaut, die die Gegenwartsliteratur sonst auslotet, finden sich eben nicht die Themen, die Sie anpacken. Dabei liegt die Prostitution doch eigentlich auf der Hand - eben weil sie so stark in der Mitte der Gesellschaft verankert ist.

Meyer: In der Weltliteratur sehe ich die Themen, mit denen ich mich beschäftige, sehr gut repräsentiert. Da kann man zum Beispiel auf James Joyce kommen oder auf Döblins Alexanderplatz oder auf Hubert Fichte. Die Gegenwartsliteratur verfolge ich eigentlich nur aus der Ferne. Da habe ich ein paar Favoriten. Das sind aber nicht allzu viele. Für mich stand diese Themenwahl nie zur Disposition. Ich habe das nie selektiert. Das bin eben ich. Und wie Sie schon sagen. Prostitution ist ja kein Thema vom Rande der Gesellschaft. Das denken die Leute einfach nur. Es ist ein Thema aus der Mitte der Gesellschaft. Das sieht man zum Beispiel auch daran, wo Bordelle geografisch angesiedelt sind: teilweise eben in der Mitte der Städte. Und die Zeitungen sind voll mit Anzeigen zu diesem Wirtschaftszweig.

STANDARD: Ist es für den Literaturkonsumenten ein heikles Thema?

Meyer: Der normale Literaturkonsument lässt sich von solchen Themen auch sicher abschrecken, weil er eben der falschen Annahme ist, dass solche Themen aus literaturfernen Gebieten stammen. Dazu übersieht man häufig den literarischen Gehalt solcher Bücher, wenn sie mit solchen Kategorien wie Unterschicht, Prostitution und dergleichen belegt werden. Ich wünsche mir in der Leserschaft und auch bei einigen Kritikern einfach mehr Akzeptanz, Interesse und Fingerspitzengespür. Kunst sollte in alle Teile der Gesellschaft vordringen. Das war früher so und sollte auch heute wieder so sein.

STANDARD: Gibt es denn womöglich zu wenig Austausch in der Gesellschaft? Es gibt ja so eine Tendenz, dass man sich in einem Viertel wie, sagen wir, dem Prenzlauer Berg in Berlin, abschottet und sich mit Leuten und Biografien umgibt, die einem nahe sind.

Meyer: Ja. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Leute nur unter sich sind und vergessen, dass in anderen Stadtteilen ein ganz anderes Leben herrscht und dort vielleicht die Party nicht den ganzen Tag tobt. Man muss also schon eine gewisse Offenheit und Neugier mitbringen, wenn es um vermeintlich exotische Themen geht. Das hat auch viel mit Sozialisation zu tun. In meiner Familie war Literatur immer präsent - obwohl meine Eltern Krankenpfleger waren. Und da bekam man eine ganz andere Sicht aufs Leben in die Wiege gelegt, man bewegte sich nicht in Parallelwelten, was nicht heißt, dass jemand aus einem kulturbürgerlichen Haushalt nicht ein Interesse für solche Leben, wie ich sie beschreibe, entwickeln könnte. Das hat aber auch damit zu tun, was für Literatur konsumiert wird. Wenn man zum Beispiel Fichtes Palette nimmt. Das Buch hätte eine viel größere Leserschaft verdient. Es ist ein großartiges sprachmusikalisches Kunstwerk, das natürlich voller Freaks ist, aber so einen großartigen Drive hat.

STANDARD: Auch Ihr Buch erinnert an manchen Stellen an Fichte. Zudem merkt man, dass sie mit den Bewusstseinsströmen, durch die Sie die Protagonisten sprechen lassen, einen spezifischen Sound kreiieren wollen.

Meyer: Ja, Sound und Klang sind mir sehr wichtig. Aber ich wollte eben die Geschichte unserer Gesellschaft durch den Zerrspiegel der Luden und Prostituierten erzählen, dadurch, wie sie denken, wie der Markt und dessen spezifische Mechanismen funktionieren. Gerade diese Bewusstseinsströme und inneren Monologe versuche ich eben mit dem Sound, mit den Mitteln der Stilistik auszuloten, wobei auch immer wieder die eigentliche Idee im Auge behalten werden muss. Und so kommt auch dieses Fragmentarische, das Aufspaltende, das Sich-im-Kreis-Drehende zustande, das Kreisende, das Suchende, was im Großen und Ganzen ja auch wieder ein Musikstück ist, eines, in dem ein gewisses Verlorensein zu hören ist.

STANDARD: Holen Sie sich die Inspiration zu den sprachlichen Sounds nur aus der Literatur? Oder spielt die Musik auch eine Rolle?

Meyer: Als Jugendlicher habe ich mich komischerweise für Jazz interessiert, für Free Jazz, für Bebop. Die Alterskollegen haben ja eher Michael Jackson gehört oder Prince. Ich gehe auch nicht in Discos. Ich bin ziemlich schwerhörig von Geburt an. Das mit dem Jazz aber hat mich natürlich ein Stück weit geprägt. Wie auch die Neoromantik von Gustav Mahler.

STANDARD: Nochmals zur Gegenwartsliteratur. Kann es sein, dass da zu häufig eine eher leichte Sprache und keine experimentellen Sounds das Schreiben bestimmen?

Meyer: Ich muss mich nächstes Jahr erst mal wieder in die Gegenwartsliteratur hineinzwingen. Ich werde ja am Leipziger Literaturinstitut unterrichten. Aber, ja, es gibt da wohl eher einen Hang zur sprachlichen Fluffigkeit, zum Risikofreien, zum weniger Radikalen. Man will die Geschichte nach vorn bringen. Ich will das gar nicht verdammen. Das muss es auch geben. Nur will ich das eben lieber lesen, wenn man sich eben vom linearen Erzählen entfernt.

STANDARD: Man muss sich ja auch fordern als Autor.

Meyer: Ja. Aber es kann eben auch sein, dass man wieder einen Schritt zurückgeht. So was wie Die Nacht, die Lichter könnte ich mir durchaus wieder vorstellen.

STANDARD: Gibt es denn bereits ein neues Projekt?

Meyer: Das frage ich mich auch (lacht). Es gibt da ein Projekt, das ich eventuell umsetzen will. Das spielt in Kroatien, in der kroatisch-serbischen Grenzregion, wo Anfang der Neunziger die ersten Kriegshandlungen stattfanden. Und genau dort wurden in den Sechzigern die ersten Karl May-Filme gedreht. Dieses Paradox interessiert mich. Man könnte einen Mann in den Mittelpunkt stellen, der als Komparse in den Filmen dabei war und der dann auf einmal in einem realen Krieg landet. Der switcht dann die ganze Zeit hin und her. Aber das ist eine eher kleine Geschichte, mit einer überschaubaren Anzahl von Personen, könnte eine Novelle oder ein kleiner Roman sein. Ich bin jetzt schon einige Jahre dort unterwegs und versuche die Sprache zu lernen. Ein kroatischer Schriftsteller, ein Freund, sagt, ich solle es auf jeden Fall machen. Mal sehen. (Ingo Petz, Album, DER STANDARD, 19.10.2013)