Kunststudenten mit glamouröser Mission: Nice Style, "der Welt erste Band für Posen", bei einer "Pre-Performance Pose" in der Sonia Henie Niels Onstad Foundation in Oslo anno 1972.

Foto: Lentos / Tate Photography

Linz - Man nehme: eine politisch und wirtschaftlich triste, graue Zeit in Großbritannien - "die Grauheit des Lebens der Arbeiterklasse", wie Lentos-Direktorin Stella Rollig es nennt - und die große Sehnsucht einer jungen Generation nach Glitter und Glanz. Weiters: extravagante und musikalische Kunststudenten wie David Bowie oder Bryan Ferry, Kunsthochschullehrer wie Richard Hamilton, Dandys wie Gilbert & George, und man erhält die Basis für Glam.

Das gleichnamige Phänomen nahm in den frühen 1970er-Jahren seinen Ausgang in Großbritannien und erfüllte Musik, Mode und Kunst mit Extravaganz. Disziplinen wiederum, die in Glam verschmolzen und deren Ineinandergreifen und gegenseitige Beeinflussung in der Schau Glam! nun aufbereitet werden. Und das, ohne dem Glam den Glitter zu stehlen.

Die Ausstellung, von der Tate Liverpool (Kurator Darren Pih) produziert und nun vom Lentos in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert, sei keineswegs eine nostalgische, betont Rollig. Vielmehr sei es vierzig Jahre danach endlich möglich, einen kulturwissenschaftlichen und kunsthistorischen Blick auf das Phänomen zu werfen. Glam füllte ein kulturelles Vakuum in Großbritannien, so Darren Pih, der zur Eröffnung nach Linz kam. Die "Popversion" des Begriffs Glamour, wie er in den 1930er-Jahren angewandt wurde, verband Kunststudierende, Musiker, Modedesigner und ein Publikum, das sich ebenso "glamourizen" wollte und konnte wie ihre Stars.

Popkultur im Kontext

Die Schau gibt einerseits einen chronologischen Abriss, macht andererseits durch Artefakte wie LP-Cover und Bühnenkostüme, verbunden mit Kunstwerken oder Hör- und Filmbeispielen Zusammenhänge sichtbar, ohne die so ein popkulturelles Phänomen nicht nachvollziehbar wäre: wie zentral etwa die Rolle und wie wichtig der Einfluss des Pop-Art-Künstlers Richard Hamilton war. Unter anderem unterrichtete er den Gründer und Frontman von Roxy Music, Bryan Ferry, an der Newcastle University im Nordosten Englands.

Etwa zur gleichen Zeit, als Gilbert & George mit ihren Living Sculptures Aufsehen erregten, gründete sich die Gruppe Nice Style: The World's First Pose Band. Wie der Name schon sagt, ahmten die Kunststudierenden Pop-Performances nach. Ein anderer Kunststudent - am Royal Art College in London - war David Bowie, wahrscheinlich der Glamrock Star schlechthin. Sein Konterfei (aus der Fotoserie, die auch als Cover für das 1973 erschienene Album Aladdin Sane verwendet wurde) ziert passenderweise das Plakat zur Ausstellung - auch weil an Bowies Alter Ego Ziggy Stardust ein zentrales, wichtiges Element von Glam abzulesen ist: das Überschreiten von Geschlechteridentitäten.

Unter dem Titel Transformer widmet sich ein eigenes Ausstellungskapitel Cross-Dressing, Androgynität oder einem Bewusstwerden, dass durchaus mehr als zwei Geschlechter zur Verfügung stehen: u. a. mit Arbeiten von Jürgen Klauke oder Katharina Sieverding, die in einer Fotoarbeit aus 1973 ihr Gesicht und jenes ihres Partners Klaus Mettig ineinander transformiert. Frühe Arbeiten von Cindy Sherman, Nan Goldin sowie der Einfluss Andy Warhols und seiner Factory in den USA werden ebenso gezeigt und thematisiert.

Die Ausstellung soll nicht zuletzt Spaß machen, so Rollig, eine Schau sein, die das Phänomen lebendig werden lässt - auch mit einem diesmal besonders ausführlichen Kunstvermittlungsprogramm. In diesem Sinne: Glam yourself! (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 19.10.2013)