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Friedrich Faulhammer (links) fordert Veränderungen, Josef Hochgerner (rechts) ist Pionier der "sozialen Innovation".

Fotos: STANDARD/Corn - APA/Hochmuth

Innovation, Evaluation, Effizienz und Optimierung - eine Reihe von Begriffen, die aus der Wirtschaft kommen, breiten sich zunehmend auf andere Lebensbereiche aus. Seit Jahrzehnten hat sich der Soziologe Josef Hochgerner auf den Begriff der "Sozialen Innovation" eingeschworen und erforscht, welche sozialen Aspekte als Innovationen verstanden werden können.

Als soziale Innovationen versteht er etwa die Einführung der Schulpflicht, die Erfindung der Pille ebenso wie die Parkraumbewirtschaftung. Seine Definition lautet: "Soziale Innovationen sind neue Praktiken zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen, die von betroffenen Personen, Gruppen und Organisationen angenommen und genutzt werden." Im Gegensatz zu sozialen Inventionen, die er als neue Ideen sieht, versteht Hochgerner unter Innovationen solche, die sich auch tatsächlich durchsetzen und zu Verhaltensänderungen führen.

Wichtig ist ihm, dass diese positiv oder negativ sein können. Am angloamerikanischen Zugang zu sozialer Innovation vermisst der Soziologe die kritische Perspektive: "Nicht alles, was sozial ist, muss gut sein, deswegen ist nicht jede soziale Innovation positiv zu bewerten."

1990 gründete Hochgerner mit dem Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) die erste Institution weltweit, die sich dezidiert der sozialen Innovation widmet. "Ich hatte beinahe schon aufgegeben, dass dieses Thema noch für großes Interesse sorgen würde", sagt er. Doch gerade in den letzten Jahren erlebte das Thema einen Aufwind. "Der Ausbruch der Finanzkrise 2008 hat das zusätzlich befeuert."

Um die vielen kleinen Projekte, Preise und Institutionen, die es zu sozialer Innovation gibt, zu koordinieren, gründete Hochgerner mit einer Handvoll Wissenschaftern die "European School of Social Innovation". Bisher blieb es dabei eher bei einem "Titel ohne Mittel", doch nun schließen sich einige Institutionen an, und Hochgerner hofft, dass sich damit verwirklichen lässt, wozu die European School of Social Innovation ursprünglich gegründet worden ist: so etwas wie eine Denkschule europäischer Konzepte zu sozialer Innovation zu schaffen. "Europa hat der Welt die Idee des Nationalstaats geschenkt", und nun gehe es darum, die Nationen zu überwinden. Was kann der Begriff Sozialstaat in einem supranationalen Gebilde wie der Europäischen Union bedeuten? Wie könnte eine europäische Bürgerinitiative einen New Deal für Europa einfordern?

Elektrisierende Fragen

"Das sind Fragen, die mich elektrisieren", sagt Hochgerner. Und genau diese Fragen möchte er in der European School of Social Innovation auf eine wissenschaftliche Basis stellen. Neben dem ZSI ist bereits die Donau-Uni Krems der Schule beigetreten. Zwei baskische Institutionen schließen sich diese Woche an, und weitere Hochschulen in Deutschland, England und den Niederlanden sind im Gespräch.

Seit dem Frühjahr gibt es an der Donau-Uni Krems einen Master-Studiengang für soziale Innovation - ein einzigartiges Lehrangebot, das Studierende von Mexiko bis Australien, aber noch kaum Österreicher anzieht. Rektor Friedrich Faulhammer geht es beim Thema Soziale Innovation darum, Innovation nicht nur im technischen oder wirtschaftlichen Kontext zu denken, sondern auch in vielen anderen Bereichen. "Das kann all jene interessieren, die auf der Suche sind nach gesellschaftlichen Lösungen", meint Faulhammer.

Die an der European School of Social Innovation beteiligten Wissenschafter arbeiten von 2014 bis 2018 auch im Großforschungsprojekt "Social Innovation. Driving Force of Social Change" zusammen, das im siebenten Rahmenprogramm von der Europäischen Kommission gefördert wird.

Die Wissenschafter wollen dabei ein Mapping erstellen, in dem soziale Innovationen weltweit erfasst und ihre kulturellen Rahmenbedingungen analysiert werden. Auch wollen sie methodische und theoretische Grundlagen entwickeln, um soziale Innovation zu messen - in diesem Bereich stehe die Forschung noch am Anfang, meint Hochgerner. Er wünscht sich, dass die European School of Social Innovation dabei so etwas wie eine "lebendige Bibliothek wird, in der die Ergebnisse zusammengetragen und weiterentwickelt werden". (Tanja Traxler, DER STANDARD, 23.10.2013)