Nichts gelernt, oder doch zumindest eines: Chuzpe zahlt sich aus. Der EU-Beitrittskandidat Türkei schlägt Mahnungen in den Wind, seine Bürger mehr an der Demokratie teilhaben zu lassen, und bekommt am Ende doch Gespräche über ein neues Verhandlungskapitel zugesprochen. In der offiziellen Diktion des Außen- und Europaministeriums in der Türkei heißt das: Die EU hat die Gelegenheit genutzt, ihre "Fehler zu korrigieren". Ankara liegt nämlich nie falsch.

Viele in der Türkei lässt der autoritäre Kurs von Regierungschef Tayyip Erdogan und dessen Ministern ratlos. Etwas muss passiert sein. Manche setzen die Wende mit dem großen Sieg beim Verfassungsreferendum vom September 2010 an (ein Teil der damals angenommenen Änderungen ist immer noch nicht rechtlich umgesetzt); andere mit dem dritten Wahlsieg der Religiös-Konservativen im Sommer 2011. Ermüdungserscheinungen, Autismus oder Kalkül?

Erdogan mag versucht sein, durch Kompromisslosigkeit und durch Ablehnung aller Andersdenkenden in der türkischen Gesellschaft seine Wählerklientel an der Stange zu halten. Die frommen Konservativen und Nationalisten sollen in einer ständigen Furcht leben: Zeigt die regierende AKP Schwäche, werden ihre Wähler von den Säkularen, den westlich orientierten Liberalen im Land, überrannt. Die Demokratisierung, die Erdogans Regierung der Türkei gebracht hat, ist dem Premier unheimlich geworden. (Markus Bernath, DER STANDARD, 24.10.2013)