Die absurde Diskussion im Saudi-Arabien, ob nun Frauen Autos chauffieren sollen oder nicht, wird von außen meist als Auseinandersetzung zwischen "oben"  und "unten" wahrgenommen: Ein repressives Regime negiert die Wünsche des nach Freiheit lechzenden Volkes. Die Lage ist jedoch um einiges komplexer.

Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie, die in einem schon im 18. Jahrhundert geschlossenen Pakt zwischen der Familie Saud und Muhammad Ibn Abd al-Wahhab wurzelt, dem Gründer einer streng puristischen islamischen Bewegung, später als "Wahhabismus"  bezeichnet. Wenn der Monarch völlig über die Geistlichkeit – in der Nachfahren Ibn Abd al-Wahhabs immer führend sind – hinweg­regiert, dann ist das nichts anderes als eine Auflösung des Pakts: eine radikale Systemänderung.

König Abdullah hat schon einiges getan, das die Ultrakonservativen zum Schlucken brachte – die Bestellung von Frauen in die einflussreiche Shoura oder die Gründung des Abdullah-Zentrums in Wien mit seinem über die drei abrahamitischen Religionen hinausgehenden Dialogkonzept. Aber der Bewegungsradius des 90-Jährigen ist in der Transitionszeit, in der sich Saudi-Arabien befindet, beschränkt: Der Übergang der Thronfolge in nicht zu ferner Zukunft an die Enkelgeneration des Staatsgründers Ibn Saud könnte das Land in Turbulenzen stürzen. In solchen Zeiten stößt man die Stützen des Regimes nicht vor den Kopf. (DER STANDARD, 28.10.2013)