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Letzte Kontrolle: Ein Arbeiter überprüft das Innere eines Zuges vor der Eröffnungszeremonie der "Marmaray"-Schienenstrecke.

Foto: Reuters/Sezer

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Ein weiterer Arbeiter poliert die Waggons.

Foto: EPA/Bozoglu

Dieser Mann kann alles. Tunnel bauen, U-Bahnzug steuern, Herrscher sein über den Bosporus und zwei Kontinente. „Danke großer Meister", steht auf den Plakaten im Istanbuler Stadtteil Üsküdar, wo nun ein Zugtunnel Asien mit Europa verbindet und Recep Tayyip Erdogan am Dienstag mit viel Pomp die so genannte Marmaray-Linie eröffnete. "Es war ein Traum, er ist Wirklichkeit geworden", rief der türkische Premier. Auch das verkünden die Plakate schon seit Tagen dem Volk.

Es ist Nationalfeiertag, der 90. Geburtstag der Türkischen Republik. Den 100. im Jahr 2023 will Erdogan noch als Präsident erleben, zum Ende einer zweiten Amtszeit als Staatsoberhaupt. Das ist der Plan. Fast alles dreht sich nur noch um die kommenden Wahlen, und das Jahrhundertwerk Marmaray ist der Startschuss für den Wahlkampf, das Gleis, auf dem die konservativ-religiöse Regierung Erdogan durch Kommunal- und Präsidentenwahl im nächsten Jahr sicher zum Sieg fahren will.

"Wunderschön, nicht wahr?", sagt ein leger gekleideter Mann, der von einer Caféterrasse in Üsküdar auf die Eröffnungsfeier blickt. Seit Stunden schon sammeln sich Anhänger von Erdogans AKP vor der Tribüne, Containerfrachter biegen alle paar Minuten in den Bosporus ein, an dessen Beginn Üsküdar liegt; gegen Mittag hebt sich langsam die Dunstglocke über der europäischen Seite von Istanbul.

Attraktion Marmaray-Linie

Der Mann in Jeans und Lederjacke stellt sich als Pensionist vor, der aus Ankara angereist sei, nur um der Eröffnung der Marmaray-Linie beizuwohnen. Er könnte genauso gut einer der Zivilpolizisten sein, die in Üsküdar die Passanten mustern und horchen, was das Volk so denkt. "Glauben Sie nicht den Unsinn, der in manchen Zeitungen steht", sagt er und deutet auf ein Oppositionsblatt, das auf dem Kaffeehaustisch liegt.

Bir Gün, eines dieser Blätter, ließ einen Testingenieur zu Wort kommen - anonym, versteht sich. "Wenn im Marmaray ein Feuer ausbricht, wird jeder an Vergiftung sterben", sagt der Ingenieur. So schnell mussten die Bauarbeiten vorangehen, damit der Termin  zum Nationalfeiertag eingehalten wurde, den die Regierung vorgab, dass wesentliche Sicherheitssysteme noch nicht bereit seien. "Als jemand, der dort arbeitet, würde ich nicht in den Marmaray einsteigen", sagt der Ingenieur. "Es wäre Mord, die Linie unter diesen Bedingungen zu eröffnen", warnte am Montag ein Vertreter der Istanbuler Ingenieurkammer.

Regierung im Geschichtsrausch

Doch Tayyip Erdogan war bereits vergangenen August bei einer Testfahrt durch den 13,6 Kilometer langen Tunnel unter dem Bosporus gesaust und hielt dabei selbst den Steuerknüppel in der Hand. Vier Minuten dauert die U-Bahnfahrt von Kontinent zu Kontinent. Der Fracht- und Zugverkehr in einer Parallelröhre soll dagegen erst 2015 beginnen. Dann steht die Eisenbahnverbindung von Peking bis London.

Während die Regierung im Geschichtsrausch schwelgt, ziehen Zehntausende zu Gegendemonstrationen. "Beuge dich nicht", die Losung der Gezi-Proteste vom Sommer, hängt am Hafen von Kadiköy, Üsküdars Nachbarstadtteil. Kundgebungen für die Republik und gegen die Regierung gibt es in Izmir, Bursa, Ankara. Dort wettert Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu gegen den autoritären Stil des Premiers. "Kemal Regierungschef!", skandieren die Zuhörer. Es ist schon Wahlkampf. (Markus Bernath, DER STANDARD, 30.10.2013)